Die große Wirkung kleiner Kunst: Singender Tresen, die Dritte
Der Stein, den die Berliner Band Der Singende Tresen in meinem imaginären Thekenbrett hat, wird immer größer. Haben ihre ersten beiden Alben “Sperrstundenmusik” und “Clowns im Regen” schon meine volle Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich gezogen, gelingt das dem Kultur-Kollektiv mit dem neuen Werk “Kein Teil von etwas” erst Recht.
Denn das dritte Album ist ein audiophiles Kleinodium allererster Güte, ein seltenes Fundstück voller Intelligenz und Pfiff, eine Kostbarkeit unverkrampfter Emotionalität, eine ehrliche, authentische Haut von Liedern und Szenen, die verdeutlichen, dass Hören und wirkliches Zuhören zwei ganz verschiedene Dinge sind.
“Kein Teil von etwas” nötigt auf seine sanfte, intensive und damit zwingende Weise zum Hinhören und Nachdenken und damit unbedingten Respekt ab. Und der Titel ist bereits eine ironisch gebrochene Untertreibung, steckt doch in diesem 26-Szenen-Werk ein Teil von allem, was im modernen Leben von Bedeutung ist. Auch eine latente Traurigkeit, die es in Deutschland so schwer macht, leicht zu sein.
Im Fokus steht aber die Metropole unterm poetischen Brennglas – innere Betrachtungen der Zustände und Lebensumstände im Großstadtgeflecht, urbane Skizzen von feiner Beobachtungsgabe und Gefühlswiedergabe, seismografisch genau, literarisch wertvoll.
Milieustudien im besten Sinne des Wortes, die Menschenbilder im Zeitalter der Globalisierung zeichnen und das Leben im städtischen Kosmos zwischen Freiheit und Kontrolle, Fortschritt und Werteverlust, Reizüberflutung und Vereinsamung kartografieren.
Und auch musikalisch gibt es auf dem Konzeptalbum wieder einige ganz große Momente zu entdecken in diesem Panoptikum der tröstlichen Töne, diesem reichen Fundus an Eigenarten, der die ganz eigene, Tresen-typische Sperrstundenmusik ergibt – eine melancholische Melange aus Jazz, Blues, Folk, Chanson und einem kräftigen Schuss Klezmer.
Thorsten Müller lässt die Klarinette mal tragisch schluchzen, mal sehnsuchtsvoll schwärmen, das Akkordeon sich ausgeschlafen ausstrecken oder erschöpft in sich zusammenziehen, das Piano leichtfüßig tänzeln und kurz darauf trunken taumeln.
Matthias Rolf an den Gitarren und Benjamin Hiesinger am Kontrabass sowie die Gäste Lilia Antico an Vibraphon, Marimba, Snare und Piano und Dietrich Petzold an der Geige fügen sich nahtlos ins Kollektiv der originellen Töne, die aus der Realität gegriffen und als neue Wirklichkeit komponiert scheinen. Eine zweite Haut, ein alter ego.
Ja, diese Musik entsteht aus den unterschiedlichen Stimmungen, die sie in der Stadt aufschnappt und zu einem originären Berliner Klang verdichtet. Und diese verschiedenen Gemüter und Stimmen werden zu einer einzigen Stimme, die der Sängerin und Textdichterin Manja Präkels gehört.
Ganz vorn am singenden Tresen steht diese “Barfrau”, die der schönen alten Tradition des Bänkelgesangs alle erzählerische Ehre macht. Ihr markantes, akzentuiertes Timbre versammelt die Figuren der Szenerien und besingt, bespricht sie im Stile einer Mutter Courage der Neuzeit.
In meiner Vorstellung zieht sie mit einer altgedienten Drehorgel von Straßenecke zu Straßenecke, um den Unsichtbaren und Vergessenen der Stadt Lieder über ihren Kiez zu singen, in denen Gott ein Nachbar auf dem Balkon ist und die Welt ein kleiner Hinterhof in dieser großen Stadt.
Selbstverständlich rät einem schon die Bezeichnung Konzeptalbum das Ganze am Stück zu hören, was der Ohrtrommler auch nachdrücklich empfiehlt, weil erst das komplette chronologische Lauschen den wirklichen Sogeffekt dieser Platte bewirkt.
Nichtsdestotrotz schälen sich ein paar Lieder in den Vordergrund, die man dann später auch gerne noch mal vereinzelt hören und wieder hören will. Besonders angetan haben es mir persönlich der um den “Alexanderplatz” kreisende Walzer, der voll herzenswarmer Melancholie ist.
Fabelhaft das düstere, sich langsam wie ein Schreckgespenst anschleichende und breit machende “Still Kinder”, das Tom-Waits´che-Züge hat und dann in ein jazz-inspiriertes, improvisiert wirkendes Klarinetten-Solo von Müller aufbricht und schließlich wieder zurückgeführt wird in das Dunkel seines Sujets.
Solche hoch spannenden, poesievollen Schrullen und Skurrilitäten gibt es zuhauf im Kiez-Kosmos Singender Tresen und machen den ganz besonderen Reiz dieses “Musik-Hörspiels” aus, das auch in den reinen Textpassagen sehr dichte und vibrierende Momente hat, die das Aufmerksamkeitslevel durchgehend hoch halten.
“Offline” ist ein wundervoller Appell an die Kunst der Entschleunigung und des Müßiggangs, an das sich der medialen Dauerbeeinflussung entziehen und aus dem Funktionieren wollen, sollen, müssen ausbrechen. Wohltuend mit diesem sehr entspannenden Vibraphonklang.
Auch das leicht dahin gepfiffene “Die Stadt ist kein Monster” plädiert für Individualität und positive Denk- und Sichtweisen der im urbanen Umfeld Sozialisierten. Sehr tresennah ist das barbluesige “Flimmern”, in dem der “Wind die Straße fegt” – eines der vielen schönen Bilder, die aus den Texten ins Leben treten.
Die satirischen Seitenblicke ins wahre Leben von Manja Präkels und Autorenpartner Markus Liske sind feinsinnige kabarettistische Miniaturen, die Finger in gesellschaftliche Wunden legen oder schlicht schöne, ironisch überzeichnete Verhaltensstudien sind, konzentriert auf die Sprache, an diesen Stellen nur mit musikalischen Fußnoten oder passenden akustischen Fetzen versehen.
Hier sticht besonders “Flaschennamen” heraus, dass mit dem Monolog eines Flaschensammlers diesen der Armut entsprungenen “Job” als Zeichen der Zeit markiert und unserer Wohlstandsgesellschaft damit den Zerrspiegel vorhält.
Und alles davor, dazwischen und danach fügt sich schnörkellos ins Gesamtgefüge, das sich eigentlich allen Kategorien entzieht, in der Summierung aber mit Kleinkunst präzise umschrieben ist. Wobei die Bedeutung eindeutig auf Kunst liegt, die zwar klein und bescheiden daherkommt, aber nur um das Große der Gedanken und Beobachtungen zu tarnen.
Ich plädiere darum konsequenterweise dafür, dieser Band, dieser kreativen Gruppe den Deutschen Kleinkunstpreis zu verleihen. Würdigere Preisträger dieses ehrenvollen “Titels” kann ich mir derzeit kaum vorstellen.



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