Musik - 24.05.09 - Tom

Die Simple Minds entdecken zum 30. B-Day ihr Graffiti soul

Manchen Bands bin ich wirklich aus tiefstem Herzen dankbar dafür, dass sie so bleiben wie sie sind. Dass sie sich nicht in allzu viel Experiment und Anspruch aufreiben und zu schlechter Letzt ihre Stärken verlieren und somit sich selbst.

Die Simple Minds sind wie die guten alten The Cure so eine dieser selten gewordenen, sehr zuverlässigen Konstanten und Koordinaten im System meiner musikalischen Verortungen.

Mit ihrem 15. Album “Graffiti soul” beruhigen und bestätigen sie meine Einschätzungen ihrer Klasse auf nachhaltige Weise. Denn vom ersten Ton an erkenne ich hier meine Simple Minds und über die gesamte Albumlänge bleibt mein Gehör ihnen treu und ergeben.

Blicken wir vor der Würdigung der Gegenwart kurz in die Vergangenheit zurück an die Anfänge der Dauerbrenner-Band, die mich bereits 1979 auf Anhieb mit ihrem beherzten zupackenden Sound für sich gewinnen konnte.

Kaum zu glauben, dass ich tatsächlich einmal miterleben musste, wie die Band – vor Beginn ihres Siegeszuges in den Pop-Charts – im Vorprogramm von Peter Gabriel in Düsseldorf ausgebuht wurde. Nur weil ihr seinerzeit noch sehr Punk orientierter Auftritt am erst irritierten, dann wenig toleranten Soft-Prog-Publikum vorbeiging.

Dabei waren die Simple Minds in ihrer Anfangszeit ohne Zweifel eine der spannendsten Bands an der Schnittstelle zwischen Post Punk und New Wave, die mit “Life in day”, “Real to real cacaphony” und nicht zuletzt mit dem für mein Empfinden sehr unterschätzten “Empires and dance” drei Großtaten in Serie zum Auftakt ihrer nun 30 Jahre währenden Karriere hinlegten.

In der Folge gelang den schlichten Gemütern der Sprung vom Independent-Liebling zur populären Rockband mit Stadion-Ambitionen ohne Selbstverleugnung, sondern mit einer konsequenten Verfeinerung ihrer Mittel. 

So avancierten die Simple Minds neben U2 zu einer der bedeutenden Musikgruppen der letzten Dekaden, um die es zwar schon mal stiller wurde, die aber immer da waren. Zeitweise sogar mit ganz großartigen, leider zu wenig beachteten Alben wie “Good news from the next world” und vor allem “Real life”, das einige der besten Songs ihres Schaffens vereint.

Zurück im Hier und Heute und zu “Graffiti soul”, das für mich im besten Sinne “brave old new wave” ist und 30 Jahre Bandhistorie und musikalischen Charakter in einem Album verewigt.

Mit Anhören des Albums bin ich mal wieder in der Zeitmaschine gelandet an einem Punkt, wo mir erneut bewusst wird, wie schnell doch die Zeit vergeht, aber dass sie manchmal  -zumindest gefühlt – für Momente still steht. In diesem Fall für eine gute und sehr kurzweilige halbe Stunde.

Von Beginn an packt mich der bekannt dichte, transparente Sound, den die Simple Minds seit jeher zu erzeugen wissen. Die Rhythmus-Sektion mit Eddie Duffy am pumpenden Bass und Drummer Mel Gaynor mit locker-flockigen Beats marschiert vom ersten Takt in “Moscow Underground” bis zum Schlussakkord im Bonus Track “Shadows and light” flott durchs straffe Programm.

Die schwebenden Gitarrenriffs von Charlie Burchill sprühen den mächtigen Soundwänden die schillernden Graffiti-Farben an und Jim Kerr schärft mit der ganzen Ruhe und Routine des alten Hasen das Profil der Songs. Sehr angenehm, dass er sich dabei nicht als Shouter-Pfau aufführt, sondern in einer dem Alter angemessenen Zurückhaltung seine Stimme zweckdienlich den sphärischen Raum ausfüllen lässt und damit einen starken Halt gibt.

Meine persönlichen Highlights und damit Anspieltipps sind neben dem Titelsong die Minds-typische Hymne “Stars will lead the way”, das dynamisch-elegante “Kiss and fly” und das im Gesamtkontext als etwas progressiver auffallende “Blood Type O”.

“Graffiti soul” wird einigen notorischen Kritikastern zwar sicher wieder willkommene Angriffsfläche bieten, weil sich die Band hier ganz treu bleibt und keine Anstalten macht, sich neu zu erfinden. Aber gerade das scheint mir die Stärke dieses Albums zu sein, dass es ein gelungenes Beispiel dafür ist, wie man im Rock ´n´ Roll in Würde altern kann, wenn man konsequent sein Ding durchzieht und ganz selbstbewusst einfach nach sich selbst zu klingen traut.

Im direkten Vergleich mit den alten Rivalen von U2 hat “Graffiti soul” für mein Dafürhalten sogar deutlich die Nase vorn gegenüber deren aktuellem Album “No line on the horizon”, dass doch erst in der zweiten Hälfte zu der Form aufläuft, die die Simple Minds über die komplette Albumlänge durchhalten und das mühelos.

Ganz zu schweigen von der Bonus-CD der Limited Edition, die unter dem Titel “Searching for the lost boys” 9 Coverversionen enthält, die von Neil Youngs “Rockin in the free world” über “Christine” von Siouxsie and the Banshees bis hin zum Thin-Lizzy-Schunkel-Klassiker “Whiskey in the jar” ein paar Extraklasse-Extras als Fan-Zugabe bietet.

Macht in diesem Doppelpack zusammen 18 Stücke voll eingängiger Melodien und kompakter Soundlandschaften und durchgängig mit Hit-Potenzial. Was will man mehr erwarten von einer Band, die sich nach 30 Jahren immer noch im Umkreis ihres Zenits bewegt, was mir nach dieser langen Strecke höchsten Respekt abnötigt.

Erwähnenswert auch das schöne, vom berühmten Künstler-Duo Gilbert & George inspirierte Art Work des Album-Booklets, das in seiner Pop-Art-Stilistik einen passenden Querverweis zur musikalischen Einordnung der Band darstellt.

Sollte mich nicht wundern, wenn das Graffiti beseelte Werk der Schotten schon nächste Woche die deutschen Album-Charts anführt.

Bleibt zum Schluss dieser Herzensempfehlung der unbedingte Tipp, bei dieser Platte das Volume kräftig aufzudrehen bzw. die Kopfhörer aufzusetzen, um die Ohren optimal auf dem gleitenden Gitarrenteppich dahinfliegen zu lassen. Kurzum: PLAY IT LOUD!

www.simpleminds.com

www.myspace.com/simplemindscom

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