Bob Dylan im Mescal-Rausch – Together through life
Die Dylan-Gelehrten werden sich ob der Einordnung des neuen Werks von Bob Dylan in den Gesamtkatalog wieder die Köpfe zerbrechen, die Dylan-Jünger werden wieder zwischen taumelnder Euphorie und zu Tode betrübter Enttäuschung hin- und her schwanken, die Dylan Kritiker erneut das Elysium für den Künstler fordern oder verächtlich den Stab über den Alten brechen.

Auch der Ohrtrommler wird mit seiner Einschätzung des neuen Bob Dylan Albums Together through life zur Polarisierungs-Orgie beitragen. Fest dabei steht erst mal nur eins: Kaum ein anderer lebender Künstler vermag die Aufmerksamkeit so vieler unterschiedlicher Meinungen und Interessen auf sich zu lenken.
Bob Dylan – Together Through Life
Noch eins ist klar: Bob Dylan selbst geht das alles am Arsch vorbei, weil er ungeachtet aller Bewertungen sein Ding durchzieht, so wie mit 20 nun auch mit über 60 und wenn alles gut geht auch noch mit 80. Er ist und bleibt der Unantastbare, das Phantom, das stets zu überraschen weiß durch seine Wandlungsfähigkeit, wie auch dieses neue Album, das 46.!!! eindrucksvoll beweist.
Es scheint, als habe Dylan eine Flasche Mescal auf Ex gesoffen, vom Flaschengrund so fette Würmer wie John Lee Hooker, Muddy Waters, Blind Willie McTell und auch Dr. “Mac Rebenack” John weggekaut, sich dann in die Mittagssonne gestellt und auf den Zug von Los Lobos nach Calexico gewartet, um schließlich hackevoll in den Wüstenstaub zu fallen und am Boden liegend mit der brillant krächzenden, schmutzigen Stimme des großen Willy de Ville zwischen den Goldzähnen hindurch zu croonen.

Kein Witz. Dylan spielt hier einen westernstaubigen, kunstvoll verzierten Stiefel von Blues, Tex-Mex und Cajun runter, dass es eine panorama-cinemascope-weite Agaven-Felsen-Wüsten-Pracht ist und lässt einem dabei mal wieder die Kinnlade vor Staunen runterfallen. Dylan versteht es wie kein zweiter, sich auf den Pfad der Music Roots zu begeben, aus dem great american songbook zu bedienen und einem dann alles so zu präsentieren als habe er die jeweiligen Stile sämtlich selbst erfunden.
Mit “Los Lobos” David Hidalgo am Akkordeon hat er sich einen kongenialen Partner für diese von Schweiß tropfenden Songs an die Seite geholt, der den mal schleppenden, mal shuffelnden Goldnuggets von Liedern mit seiner schwer atmenden Quetschkommode genau die richtige Tiefe und Dichte verleiht.
“Together trough life” ist ein durchgängig eingängiges, sehr spannendes und dabei höchst entspannt wirkendes Alterswerk, das sich auf dem Niveau des grandiosen bluesschwarzen “Time out of mind” (dem für mich herausragenden Dylan-Alben der letzten Deakade) bewegt, also auf dem denkbar höchsten. Und man fragt sich, was diese sehr fruchtbare Ära des Spätschaffens noch zutage fördern und dem eh schon Ehrfurcht gebietenden Songkatalog von Bob Dylan noch alles hinzufügen wird.
Selbst Tagesthemen-Moderator und Amerikakenner Tom Buhrow ließ es sich am Samstag voller ehrlicher Fanfreude im Gesicht nicht nehmen, den neuerlichen großen Wurf der Musikikone ein “Meisterwerk” zu nennen. Und der sympathische Mann der Nachrichten und Fakten ist doch nun wirklich vertrauenswürdig.
Der Ohrtrommler fasst es wie folgt zusammen: Dylans schweineguter Tex-Mex-Virus ist hoch ansteckend und wird den legendären Ruf und Ruhm des Meisters weiter pandämisch verbreiten, auf dass alle Welt infiziert werde von dessen unerreichter Größe.
Und verdammt noch mal, Ihr alten Schweden, verleiht dem Mann endlich den verdienten Literatur-Nobelpreis.
Allen Dylanianern und solchen, die es werden wollen, empfehle ich nachdrücklich auch den Kauf von “Tell-Tale Signs” – dem mittlerweile achten Teil der “Bootleg Series”, das rares und unveröffentlichtes Material aus den Jahren 1989 – 2006 vereint, insgesamt 27 Eelsteine seines Songwritings, unter anderem auch Outtakes aus dem erwähnten Highlight “Time out of mind” und den bisher unveröffentlichten, großartigen Soundtrack-Beitrag “´Cross the green mountain”, der in keiner würdigen Dylan-Sammlung fehlen darf.
Alles Weitere zum Godfather of Songwriting, seinen unergründlichen Wegen und seinem Werk von biblischem Ausmaß und voll mannigfaltiger Schöpfungen gibt´s auf bobdylan.com
Tracklisting
1. Beyond Here Lies Nothin’
2. Life Is Hard
3. My Wife’s Home Town
4. If You Ever Go To Houston
5. Forgetful Heart
6. Jolene
7. This Dream Of You
8. Shake Shake Mama
9. I Feel A Change Comin’ On
10.It’s All Good



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