Kleingeldprinzessin lässt Köln tanzen: Dota und die Stadtpiraten live
Stadtpiraten im Stadtgarten – ein schönes Wortspiel als Auftakt zum Bericht über ein Konzert, das der Ohrtrommler gerne als denkwürdig bezeichnen möchte. Und zwar weil es seine hohen Erwartungen – da bereits sehr positiv auf Dota Kehr und ihre Band eingestimmt – noch weit übertroffen hat.
Spätestens seit diesem Kölner Gig am 23. April gehöre ich zu den ganz großen Fans der Kleingeldprinzessin, die mit ihren kongenialen Stadtpiraten einen Saal zum Kochen zu bringen versteht.
Aber der Reihe nach. Bevor die trotz Erkältung bestens aufgelegte Dota die Kölner Bühne stürmte, überließ sie diese der 5köpfigen Kombo SCHLAGsaite für ein Heimspiel. Die Kölner Band erwies sich als gut gewählter Opening Act, wusste sie doch gleichfalls durch lebhafte bis melancholische Folk-Musik wie durch lyrische und reflektierte Texte zu gefallen.
Neben textlich sehr reifen und musikalisch abwechslungsreichen Eigenkompositionen beeindruckte SCHLAGsaite das sehr zugewandte Publikum auch durch die gelungene Vertonung des wundervollen Erich Kästner Gedichtes “Ein Mann gibt Auskunft” sowie eine Hommage an das Berliner Musik-Urgestein Lüül mit der Interpretation dessen heiteren Liebesliedes “Verliebt in Du”.
SCHLAGsaite, mit zwei akustischen Gitarren, Kontrabass, Geige und Akkordeon besetzt, überzeugte durch eine Art moderne Bänkelsängerei mit einer Bandbreite in der Tradition deutscher Liedermacher über Kabarett-Episoden und Chanson bis zum Klezmer-Feeling, melodisch, so humorvoll wie nachdenklich und nicht zuletzt durch schönen mehrstimmigen Gesang gekennzeichnet.
Ihre erste CD “Überspielte Verlegenheiten” kann der Ohrtrommler bedingungslos empfehlen. Darauf finden sich einige der im Stadtgarten zum Besten gegeben eigenen Werke wie das pädagogisch und ideologisch wertvolle “Aus einem besseren Holz” sowie Vertonungen von Kästner, Ringelnatz, Klabund und Borchert. Eine Fundgrube also für literarisch feinfühlige Hörer.
Die SCHLAGsaite Boys standen dann auch als Fans in der ersten Reihe beim nachfolgenden Auftritt von Dota und den Stadtpiraten im ausverkauften Konzertsaal des Stadtgartens, zusammen mit – wie mir bald klar wurde – den zahlreichen Kleingeldprinzessin-Hardcore-Fans. Unschwer an der Tatsache zu erkennen, dass diese jungen Menschen in den nächsten 2 Stunden nahezu jeden Text mitzusingen wussten.
!!!Merke: Anspruchsvolle deutsche Texte begeistert mitsingen! Man sollte sich doch nicht allzu viele Sorgen um die Werteorientierung des deutschen Jungvolkes machen!!!
Und mitsingen und mittanzen wurde dann auch umgehend zur Devise für den Ohrtrommler, bei dem sich seit drei Wochen unentwegt das sagenhaft schöne, brasilianisch angehauchte neue Album von Dota “Schall und Schatten” auf allen festen und tragbaren Medien dreht, weil ich von diesem herrlich ausbalancierten Album mit den tiefsinnigen Texten und leichten Melodien einfach nicht genug bekommen kann.
Auch wenn sie sich bei diesem großen, kleinen Album ausnahmsweise nicht mit den Stadtpiraten, sondern mit brasilianischer Begleitung auf musikalische Höhen schraubt.
Dota, die mit ihrer liebenswert offenen und charmanten Art jedes Herz im Sturm erobert und zu einem Querschnitt durch ihr bisheriges Schaffen ansetzt, beginnt mit “Trägst Du mich” und gleich hier wird einem klar, dass die Kleingeldprinzessin exzellente Musiker um sich geschart hat, die zum Teil jahrelange, enge musikalische Vertraute sind.
Das relaxte Reggae-Feeling des Openers weist die Rhythmusgruppe mit dem rastalockigen Blondschopf Nicolai Ziel, dem Bassisten Leon Schurz, bezeichnenderweise im Jamaica-Shirt sowie den musikalischen primus inter pares, den ausgezeichneten Gitarristen Jan Rohrbach mit seinen vom Start weg hookenden Riffs als ein eingespieltes Team von musikalischen Könnern aus.
Auf “Mittenzwischendrin” vom Vorgänger-Studioalbum “Immer nur Rosinen” folgt das ebenfalls von diesem Werk stammende, ironisch-überdrehte “Zimmer” mit einem ersten Highlight seitens Jan Rohrbach. Sein eingeflochtenes Solo im Django Reinhardt Stil löst zurecht ersten Sonderapplaus aus.
Spätestens beim höchst hittauglichen neuen Song “Kein Morgen” mit kritisch-fatalistischer Grundhaltung zu den Zeitläuften rollt der fabelhafte Gig bereits auf Hochtouren und bewegt das ausgelassen frohe Publikum beim “Mittelinselurlaub” erstmals zum um eine Woche vorgezogenen Tanz in den Mai.
Bei der “Geschwindigkeit des Schalls” und dem erst in deutsch und dann in portugiesisch vorgetragenen “A primeira vista” ist jeder völlig hingerissen. Ich allen voran, weil hinter mir (ungelogen!) zwei hübsche Brasilianerinnen mit ihren noch hübscheren Stimmen den Backgroundchor direkt in meine sich aufstellenden Nackenhärchen geben. Was mir wiederum eine Verneigung vor den beiden jungen Damen abnötigt.
Persönlicher Höhepunkt für mein Empfinden sind dann die folgenden Minuten, in denen das ebenfalls neue Lied “Trinken”, das eine willkommene Nähe zum Besten von Element of Crime hat, von Jan Rohrbach auf der Melodica orientalisches Flair eingehaucht bekommt, überführt in ein großartiges Instrumental auf diesem von der Pop-Musik glücklicherweise wieder entdeckten Instrument – 1001 Nacht in Köln!!!
Und dann kommt mit “Immer die anderen” der Hammer schlechthin, denn der Melodica-Tango, den Rohrbach intoniert, ist wirklich von mitreißender Virtuosität und wird mit frenetischem Beifall als solche gewürdigt.
Die Rhythmusmaschine läuft jetzt auf voller Stufe und sorgt im Reggae-Takt dafür, dass man das brandneue “Ohrsteckermädchen” unmittelbar ins Herz schließt. Auch wegen des wie oft bei Dota so pointierten Textes, der einem mit einem großen Augenzwinkern zulächelt.
Vom “Fluch des Schlaraffenlands” (als technoider Ska angekündigt) über den immer wieder originellen “Containerhafen” führt das Programm zum viel zu schnellen Ende, das zum Glück in drei Zugaben mit je zwei Songs mündet.
“Utopie” sagt Dota an mit dem Inspirations-Impuls für die Entstehung, der an der Berliner York-Brücke entliehenen Textzeile “Es geht nicht um ein Stück Kuchen, es geht um die ganze Bäckerei”. Aus einem solch bizarren Textbaustein macht die Kleingeldprinzessin gesellschaftskritische Liedlyrik. Brillant! Wie überhaupt ihre feine Beobachtungsgabe und Sensibilität ungewöhnliche poetische Perlen zuhauf zutage fördert.
Auch die “Menschenklone” schlagen in diese Kerbe der feinsinnigen Sozialkritik. Musikalisch werden rhythmustechnisch Erinnerungen an Police wach. Irgendwie dämmert kurzfristig “The bed´s too big without you” durch meinen Kopf.
“Früh am Morgen, örtlich Regen” verbreitet späte Melancholie und “Die Drei” namens Justus, Pieter und Bob wieder gute Laune bis es bei der dritten Zugabe endgültig Abschied nehmen heißt von einem großartigen Konzertabend.
Dota beginnt dieses Da Capo mit ihrem zuallererst geschriebenen Lied “Traumsymphonien”, das sie laut eigener Aussage dazu veranlasste, ab diesem Zeitpunkt einfältige, traurige Lieder zu singen (Originalzitat). Was eine gelinde Untertreibung ihres großen Songwriting-Talents ist.
Die Kleingeldprinzessin beschließt den unvergesslichen Auftritt mit dem wunderschönen Liebeslied “Alles Du, alles Dur”, nach dem es für die vielen anwesenden, verliebt sich in die Augen schauenden Paare nichts Schöneres mehr zu hören geben kann. Das macht den Heimweg leichter und verführerischer. Perfektes Timing für die Nacht, in der sich gewiss noch einige dieser jungen Menschen der Macht der großen Gefühle hingeben werden. Dota und den Stadtpiraten sei herzlich gedankt, auch für diese zu Nähe, Sinnlichkeit und Zärtlichkeit motivierende Atmosphäre!
Fazit eines Beglückten:
Wo immer die fabelhafte Berliner Band in Eurer Nähe auftritt, bitte unbedingt hingehen, Ihr werdet einen tollen, lebendigen und ermutigenden Abend haben und vor Freude und Begeisterung tanzen.
Hier die noch anstehenden Termine der Tournee:
29. April im Nexus in Braunschweig
30. April Moritzhof in Magdeburg
01. Mai Scheune, Dresden
03. Mai Jaz in Rostock
06. Mai Karlstorbahnhof in Heidelberg
07. Mai Jazzhaus, Freiburg
08. Mai Kulturpavillion, Basel
09. Mai Musig im Ochsen in Muri, CH
10. Mai im Fichtehaus, Herrenberger Str. 40 in Tübingen
12. Mai im Jubez in Karlsruhe
13. Mai in der Musa in Göttingen
19. Mai in der Schützengasse in Weimar
20. Mai Club Stereo in Nürnberg
21. Mai Feierwerk in München
22. Mai U-Turn in Schwabmünchen
23. Mai im Museumskeller in Erfurt
27. Mai im Theater Leidinger in Saarbrücken
28. Mai Chat noir in Trier
29. Mai im Sauschdall in Ulm
30. Mai Kulturpalast in Wiesbaden
31. Mai auf der Waldeck
02. Juni im Haus der Jugend in Osnabrück
04. Juni Cube in Paderborn
05. Juni Parkside in Aachen
06. Juni im Steinbruch in Duisburg


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