Musik - 26.04.09 -

Heiliger Herzschmerz oder Trauerkloß ganz groß: Sophia

Robin Proper-Sheppard alias Sophia, der von sich selbst behauptet, dass er nicht manisch-depressiv sei, sondern manisch und depressiv (Originalzitat) gießt seine seelischen Befindlichkeiten und Abgründe in zeitlos schöne Songs, die sich mehr und mehr von den Wurzeln der Rockmusik verabschieden und in die Klassik verschieben.


Das neue Album “There are no goodbyes” treibt die Inszenierung von melancholischen Abschieden, wie sie auch auf den letzten beiden Alben mehrfach markiert wurden auf die bisherige Spitze – was hier auch stellvertretend für Spitzenklasse steht. Eine konsequente Verfeinerung seiner Songwriting-Fähigkeiten auf das Format von Ballade und Hymne im kammermusikalischen Gewand.

Song-Zyklus für die Ewigkeit

Es handelt sich bei dem unter die Haut und zu Herzen gehenden Song-Zyklus um zehn kleine Symphonien der Berührbarkeit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit, die im traurigen Titelsong eine makellos schöne Kerze anzünden, die gleichmäßig anmutig ihr weißes Lieder-für-die-Ewigkeit-Wachs verbrennt, um im finalen wundervoll zarten “Portugal” zu erlöschen und das zuvor Gehörte sich wie Rauch auflösen zu lassen.

Das Erstaunliche ist, dass hinter all dieser Traurigkeit stets ein ganz schwaches Licht aufzuleuchten scheint, das von so etwas wie ganz ferner Hoffnung und Zuversicht getragen ist. Das versetzt diese im Grunde höchst schwermütigen Kompositionen in eine Art Schwebezustand, der eine Ausbalancierung der Kräfte vornimmt und eine fast fatale Leichtigkeit suggeriert, die textlich hingegen nirgends zu finden ist.

Sogar das gewagte Song-Experiment “Something“, in dem er ausgerechnet eine seiner Verflossenen als Duett-Partnerin gegen die Möglichkeit von dauerhafter Liebe ansingen lässt, klingt schließlich nicht völlig trostlos, sondern ist schlicht eine Ballade, die Größe zeigt in der offenen, schonungslosen Bespiegelung von Irrungen und Wirrungen der Gefühle, die bei Sophie stets die Überschriften “Enttäuschung” und “Unmöglichkeit” zu tragen scheinen. Dem Liebesleben folgt bei Sheppard in der Regel der Liebestod.

Bemerkenswert allerdings, wie es dem Musiker gelingt, dieses Leiden an emotionalen Zerrissenheiten und Vergeblichkeiten transparent und nachvollziehbar zu machen ohne in irgendeinen Kitsch von Selbstmitleid zu verfallen. Das Glück als Maßstab für Unglück wird zwar beklagt, aber das Scheitern als menschlich akzeptiert.

Musikalisch konsequent umgesetzt mit vorrangig akustischer Gitarre und dezenten Streichern, die dem Ernst der Gemütslage nicht nur angemessen sind, sondern auch das Momentum Pathos anhauchen, das den eher kargen Liedern einen leichten Glanz von Patina verleiht.

Drums und Percussion sind fast vollständig aus den Arrangements verbannt, als wolle Sheppard unterschiedlichen Rhythmen keine Möglichkeit mehr geben, sein Leben als langes, ruhiges dahin Fließen von Verlusten zu unterbrechen und in eine andere Richtung zu bewegen.

Keine selbst auferlegte Rettung also, sondern Hingabe an das Unvermeidliche. Damit aber auch an die Schönheit, die Ihren Reiz ja oft erst aus der Tatsache der Vergänglichkeit bezieht. Insofern ist Sophia eine musikalisch seltene Blume, in der Blühen und Welken ein und dasselbe sind. Eine Paradoxie, aus der hier die Magie entsteht – das Schaurig-Schöne.

Das ganze Ausmaß dieser bizarren Schönheit zeigt sich dann auf der Bonus-CD der Limited Edition “The Valentine´s Day Session“. Auf dieser echten Liebhaber-Zugabe ist ein komplettes Live-Akustik-Set zu hören, dass Sheppard zum Prelistening des neuen Albums mit einem Streicherquartett im Februar bei mehreren, vom Label Cityslang organisierten, exklusiven Konzertterminen zu Gehör brachte. Die CD-Aufnahme stammt von einem Konzert am Valentinstag 2009 im Radiokulturhaus in Wien, das von Radio FM4/ORF aufgezeichnet wurde.

Der Ohrtrommler hatte das große Glück, einem dieser Gigs von Sophie im Foyer des Kölner Ludwig Museum beizuwohnen. Im Vorprogramm die südafrikanischen Newcomer Dear Reader, die mit “Replace why with funny” als einem der bisher herausragenden Alben des Jahres überraschten und auch diesen würdigen Abend stilvoll einleiteten.

Die Unplugged-Klassik-Session von Sophia, die dann folgte, kann man nur mit einem Wort beschreiben: Gänsehaut.

Wer sich diese wohligen Schauer des melancholerischen Wohlklangs zufügen möchte, dem sei schnelles Handeln empfohlen, um die Limited Edition zu ergattern und sich an einem Doppelalbum höchst fragiler Melodien zu erfreuen. Akustische Kostproben und weitere Informationen gibt´s hier:

Sophia im Web:
www.sophiamusic.net
www.myspace.com/thesophiacollective
www.cityslang.com

Musikalische Seelenverwandtschaften: Elliott Smith, Nick Drake, Bill Callahan/Smog, Scott Matthew, Dakota Suite, Red House Painters, Damien Rice, Jeff Buckley



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