Musik - 23.02.09 -

Herausragend schönes Debut: Dear Reader

“Replace why with funny” scheint ein trefflich gewählter CD-Titel zur jecken fünften Jahreszeit, die der rheinische Frohsinn gerade mit dem alljährlichen hochprozentigen Höhepunkt samt Leber-und-Synapsen-Kollaps feiert. Aber der großartige Spaß dieses fabelhaften ersten Albums von Dear Reader ist so weit von oberflächlicher Karnevalsnarretei entfernt wie die Band-Heimat Südafrika von Düsseldorf, Köln und Mainz wie es singt und lacht.

Südafrika ist ja reich an Bodenschätzen wie Gold und Diamanten und Dear Reader ist so ein strahlendes Juwel, das schon erstaunlich geschliffen klingt. Die sympathische junge, vom ersten Ton an Herz ergreifende Band schafft in diesem Jahr noch beeindruckender, was zu Beginn des letzten Jahres der Überraschungsband Get Well Soon mit “Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon” gelungen war.

Get Well Soon mit dem deutschen Mastermind Konstantin Gropper ist ebenfalls eine Entdeckung der Hör-Seismographen von City Slang, die mir und allen Audio-Gourmets innerhalb eines Jahres ein gutes halbes Dutzend Ohrperlen geschenkt haben. (Calexico, Lambchop, Herman Dune, Get Well Soon, Port O´Brien, die Entdeckung 2008, die Fleet Foxes von den City-Slang-Kollegen Bella Union/Cooperative Music nicht zu vergessen.)

Dear Reader schreiben Songs von einer unfassbaren Reife, die in ihrer sehr eigenständigen Art mit wunderbaren kleinen Verspieltheiten im disziplinierten Kompositions-Korsett so souverän klingen wie eine erfahrene Band mit zig Jahren Erfahrung auf dem Buckel.

Gleich der fröhlich-besinnliche Banjo-Opener “Way of the world” mit den schönen Chorgesängen öffnet einem die Fenster der Seele und fühlt den Frühling nahen. Selten zu Beginn einer Platte einen so direkten philantropischen Angriff auf meine Gemütslage erlebt. Schon gewonnen, denke ich, egal was jetzt noch kommt. Und es kommt noch besser. Stück für Stück. Unglaublich.

“Dearheart” flirtet mit Feist-Attitüde, Streichern, Hörnern und allerlei klanglichem Kleinod so selbstbewusst und zugleich so filigran, dass es einem den Atem raubt vor Respekt. Der Ausstieg mit dem souveränen Fingerclapping scheint sich fast selbst zu applaudieren fürs erstaunliche Gelingen. Erst zwei Songs und man weiß, dass diese Band Songs schreibt wie lange keine mehr. Herzrasen vor Freude und Aufgeregtheit.

Ganz hinreißend, sanftmütig wie ein Kinderlied schleicht sich dann “Great white bear” als eines deiner zukünftigen Lieblingslieder ins Gehör. Was für eine simple, große Melodie, diese spieluhrenartige Spule, von verzerrter Gitarre umkreist. Man wünschte, das wäre ein musikalisches perpetuum mobilet, das nie mehr verklingt. Das liebenswerteste musikalische Kuscheltier, das man sich vorstellen kann. Ich bin bereits nach dem dritten Song rettungslos verloren an die drei Südafrikaner Cherilyn MacNeil, Darryl Torr und Michael Wright.

“Bend” umflirrt die Flimmerhärchen wie ein seltener Schmetterling, der von Stimme zu Stimme fliegt, um den Blütennektar der frisch entpuppten Melodie einzusaugen. Fein drapierte Gitarrensounds erblühen drum herum und immer wieder diese zarte, feste Stimme von Cherilyn, die einfach zum Verlieben natürlich ist.

Dear Reader können aber durchaus auch schroffer und rhythmischer auftreten, das ist hier nicht nur ein Zauberwald, das ist durchaus auch clever inszenierter und instrumentierter Pop der ideenreichen Art wie “Out Out Out” beweist. Wieder eine unwiderstehliche Melodie und ein trockener Beat, der dazu Psychedelia alias Sgt. Pepper einsammelt. Ein sehr sehr reifer Song, den die Jungspunde da lässig aus den Handgelenken schütteln.

Und dann gehen Sie wieder zur Gänsehaut über. “Release me” hat etwas von der Zerbrechlichkeit, die auch einige Songs des letzten großen Gravenhurst Albums “The Western Lands” auszeichneten. Schönheit und Zartheit, die von akustischer Gitarre, Streichern und der Stimme im harmonischen Einklang getragen wird. Oh Glück der Melancholie!

“Never goes” knüpft nahtlos da an und verbreitet ein wenig Alice-im-Wunderland-Stimmung. Ein Lovesong, den es nicht in der Stille hält, sondern der mit unbändiger Kraft aufbricht, um Hymne zu werden, die im Piano-Stakkato, mit Arpeggio-Zupfern himmlischer Violinen, Blechgebläse und wahren Cherubim-Chorälen zeigt, dass Liebe immer ein Zeichen von Stärke ist. Sehr dynamisch.

Bei den schönen kanonartigen Gesängen von “The same” erinnern Dear Reader tatsächlich stark an die Fleet Foxes, die 2008 zum Jahr der Folk-Stimmen erhoben und damit eine neue Simon-and-Garfunkel-Liedseligkeit zurückbrachten, die lange verloren schien. Das hier ist keinen Deut weniger himmlisch, setzt mit seinem Waldhorn sogar noch einen obendrauf. Solche Sachen sollte man sonntags von den Orgelemporen der katholischen Kirchen hören. Dann wäre die heilige Hütte voll von Engeln.

Piano, Orgel und Melodica transportieren “What we wanted” auf Anhieb ins emotionale Zentrum, eine höchst gerissene Harmlosigkeit, die sich spiralförmig durchs Gehör schraubt. Endlich ein mehr als gleichwertiger Ersatz für die einst so geliebten 10.000 Maniacs und Natalie Merchant. Wunderschöner Song abermals.

Das viel zu frühe Ende kommt mit dem im Hidden-Track-Teil mächtig aufgedrehten “Everything is caving”, das Arcade Fire (City Slang versteht sich!) auf der Verwandtenkarte hat, und mit der Erkenntnis, dass man möglichst bald mehr, sehr viel mehr von Dear Reader hören möchte, denn dieses erste Album hat wahrlich ein unüberhörbares Zeichen gesetzt für eine Band mit einer großen Zukunft.

Jede Wette drauf. Dieses in jeder Note hoch inspirierte, kreative Werk wird 2009 mit Sicherheit ganz weit oben in allen Bestenlisten rangieren. Bei mir hat diese wundervolle Platte auf jeden Fall einen ganz ganz dicken Stein im Brett, schon weil man auf “Replace why with funny” jeden Tag ein neues Lieblingslied unter diesen 10 Kostbarkeiten findet.

Ein außergewöhnliches Album, das man auch in zehn, zwanzig und weit mehr Jahren immer wieder mit der gleichen kindlichen Freude auflegen und mit staunender Begeisterung hören wird. Und die Live-Qualitäten der Band stehen der Studioarbeit in nichts nach. Ich hatte vergangene Woche
das außerordentliche Vergnügen, sie im Foyer des Kölner Museums Ludwig im Vorprogramm von Robin Proper-Sheppard alias Sophia zu hören, der mit einem String Quartett und seinen sensiblen, melancholischen Songs zu Tränen rührte. (Von Sophia ist fürs Frühjahr ein neuer höchst melancholischer Longplayer avisiert, auf den man sich jetzt schon freuen darf.)

Bei diesem sehr intimen City Slang-Konzertabend verstanden es die Neulinge von Dear Reader mit ihrem sympathischen Auftreten und einem brillant gespielten und vom Publikum begeistert aufgenommenen Opening den Sophia-Gig gebührend einzuleiten.

Unbedingt reinhören und infizieren lassen:

http://dear_reader.motor.de/

www.myspace.com/dearreadermusic



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