Schon wieder Schönklang aus Schweden: Katharina Nuttall
Es gibt das. Man hört zwei drei Takte und dann setzt eine bisher nicht bekannte und doch gleich sehr vertraute Stimme ein, die einen sofort fesselt und die Ohren haben keine andere Chance als dieser Stimme zu folgen bis zum letzten Takt. Katharina Nuttall heißt die Sängerin und das fesselnde Album “Cherry flavour substitute.”
Die erste Textzeile “Sorrow is the colour …of my aching heart” gibt auch gleich die Richtung und Stimmungslage vor. Eine düstere, schwere Melancholie, in der es aber immer ein offenes Fenster oder eine angelehnte Türe gibt. Es geht um Sorgen, Ängste, Leid und natürlich die Liebe. Und wie.
“Don´t you ever let me down” ist eine dieser herbstlichen Melodien, die sich unmittelbar in die Seele schleichen und dort überwintern wollen. Katharina Nuttall weiß, wie man Gefühle in Noten träufelt. Kein Zuviel, kein Zuwenig, eine gezupfte akustische, die sich in einer Metamorphose zur schönen Bouzouki wandelt, ein tröpfelndes Piano, ein warmer Orgelteppich und ein paar wohl dosierte Paukenschläge reichen aus, um tief ins Gemüt vorzudringen.
Und so geht das unentwegt. Das als Single ausgekoppelte “Hold me” hat die Qualität von “Constant craving”, dem großen Hit von K.D.Lang. Ein 1A Pop-Song mit Aura, der auf einem geraden Rhythmus vorausmarschiert, den die tiefe, geheimnisvolle Stimme von Katharina samt aller arabesken Klänge wiederaufsammelt.
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“Shimmering light” flattert vorbei wie ein verirrter Schmetterling, der mitten im November nach sommerlichen Blüten sucht. Die unerträgliche Schwere der Leichtigkeit. Und dann reißt die Harmonie für knappe drei Minuten auf und mit “I wanna be your dog” kläfft ein bissiges Vieh von Song mit Glam Attitüde ins Geschehen. Ein Rocker mit T.Rex artigem Gitarrenriff, dass als kurzer Störenfriede dafür sorgt, die Aufmerksamkeit zu halten und nicht ganz in Trance zu versinken.
Gleich darauf kehrt der dichte schleppende Sound zurück und endlich erinnert man sich, wo man diese Rhythmen, diese einsame Atmosphäre schon mal ansatzweise gehört hat und wo man also die Vorbilder von Frau Nuttall vermuten darf.
Ihre Inspirationen dürften unzweifelhaft im New Wave liegen. Die innere Verwandtschaft zu New Order, mehr noch aber zur Vorgängerband Joy Division ist auf Dauer deutlich herauszuhören. Nicht von ungefähr hat sie auf ihrem ersten Album den New-Order-Hit “Blue Monday” gecovert.
Das weibliche Pendant zu Ian Curtis – dieses stimmliche Drahtseil über dem Abgrund aus Liebe und Schwermut, aufs äußerste gespannt. Keine schlechte musikalische Assoziation, sieht man einmal von der Tragik ab, dass sich der unter Epilepsie und seelischen Zerrissenheiten leidende Joy Divison-Sänger 1980 im Alter von nur 23 Jahren das Leben nahm.
Vom Großmeister der Rockfotografie, dem Niederländer Anton Corbijn übrigens sehr eindrucksvoll auf Zelluloid gebannt in dem cineastischen Nachruf auf Ian Curtis “Closer,” einer sehr sehenswerten Musikerbiografie, die mittlerweile auch auf DVD erhältlich ist.
Katharina Nuttall – live
Bleibt sehr zu hoffen, dass Katharina Nuttall eine größere seelische Stabilität besitzt als das viel zu früh erloschene Talent von Curtis, obwohl sie als Schwedin ja auch nicht unbedingt aus einer mit reichlich Licht gesegneten Region stammt. Tatsächlich schon wieder eine Skandinavierin, die mit ihrem gekonnten Songwriting beeindruckt.
Aus Stockholm wie ihre fabelhafte Kollegin Anna Ternheim, deren erste beide Alben zum Schönsten zählen, was die Musikwelt in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Und die ersten Hörproben des dritten Werks sind ein sicheres Indiz dafür, dass das in zwei Wochen in Schweden erscheinende “Leaving on a mayday” bereits der dritte Höhepunkt in der noch jungen Karriere von Anna sein dürfte.
Thematisch, atmosphärisch und von der Intensität ihrer Musik durchaus vergleichbar mit Katharina Nuttall, deren erstes Album “This is how I feel” übrigens von der gleichen Klasse wie “Cherry Flavour Substitute” ist. Leider waren beide Platten bis vor kurzem nur direkt über die Webseite der Sängerin zu beziehen. Am Besten gleich beide zusammen importieren und hintereinander weg hören.
Dann kann man sich ganz reinziehen lassen in diese Song-Magneten mit der Atmosphäre nordischer Mystik, die einen sofort an den Herzkranzgefäßen packt. Die hochgradige Spannung der prägenden Stimme hält über das komplette Album, das mit 10 Tracks und einer Laufzeit von etwas über 36 Minuten schon fast zu kurz geraten erscheint, um sich ganz diesem spiralenförmigen Sog zu ergeben, der sich Stück für Stück in die Gehörgänge windet.
Sehr schönes Pop-Album!
Hier gleich mal probehören:
www.katharinanuttall.com oder www.myspace.com/katharinabnuttall



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