Musik - 11.10.08 -

RuhrTriennale mit Trio geniale: Cash, Bragg und Henry begeistern

Um es gleich vorweg zu betonen. Konzerte wie das mit “Flesh and blood, hearts and minds” betitelte Century-of-Song-Programm der diesjährigen RuhrTriennale sind mit einem ganz großen Ausrufezeichen zu versehen. Der dreistündige Abend zum Abschluss des Festivals bot zu sehr moderaten Ticketpreisen ein musikalisches Ereignis der Extraklasse, das vom faszinierenden Ambiente der Bochumer Jahrhunderthalle über die fabelhaften musikalischen Darbietungen bis zum begeisterungsfähigen Publikum rundum gelungen war und alle Versprechen einlöste.

Mit den Songwriter-Größen Rosanne Cash, Billy Bragg, Joe Henry und den hochkarätigen Begleitmusikern Greg Leisz, David Piltch, Earl Harvin, Patrick Warren und Chris Bruce traten wahrlich Künstler auf, die dem Motto des Abends in jeder Hinsicht Leben einhauchten. Ausnahmemusiker mit Leib und Seele und voller Herzblut, die einen Liederabend gleichermaßen für Gefühl und Verstand und voller Leidenschaft präsentierten.

Zu Beginn spielte der musikalische Ruhrtriennale-Direktor und Century-of-song-Kurator Joe Henry den Titelsong seines letzten Albums “Civilians”, das 2007 zu den herausragenden Singer-/Songwriter-Platten zählte und dem exquisiten Schaffen des zu Unrecht immer noch weitgehend unbekannten Künstlers ein erneutes Meisterwerk hinzufügte. Ein glänzender Einstieg in einen exzellenten Liederreigen, sowohl das hohe kompositorische Niveau als auch die beeindruckende Vortragskunst betreffend.

Mit Rosanne Cash, der ältesten der vier Töchter der Country-Legende Johnny Cash, begrüßte Joe Henry als Gastgeber dann eine befreundete Sängerin, die sowohl mit den musikalischen Genen der Eltern gesegnet ist, aber vor allem auch die Gabe der Eigenständigkeit in das Erbe der Countrymusik einbringt und ihr auf diese Weise ganz fabelhaftes Storytelling schenkt, das neue poetische Farben und lobenswerte politische Haltungen in diese musikalische US-Tradition einbringt.

Einen Teil ihres Auftritts bestritt die Grammy-Siegerin von 1985 mit Songs aus ihrem vorzüglichen Album 2006er-Album “Black Cadillac,” (eines der ganz großen Werke des Country-Genres!!!) das eine hoch poetische, musikalisch intensive und höchst würdevolle Trauerarbeit des Verluste beider Eltern im Jahr 2003 darstellt. Innerhalb eines knappen halben Jahres starben damals Mutter June Carter an den Folgen einer Herzklappenoperation und ihr Vater Johnny an Lungenversagen.

Unter diesen musikalischen Reminiszenzen zelebrierte Rosanne Cash neben dem Up-Tempo-Titelsong das liebevoll nachdenkliche “House on the lake”, das berührend einfühlsame “I was watching you” und den wahrlich überirdisch todtraurig-wunderschönen Nachruf “The world unseen” (eine der fabelhaftesten, gefühlvollsten, zu Tränen rührendsten Balladen aller Zeiten – unbedingt anhören!!!) für ihren Vater, den “Man in black”, dem sie später auch noch mit dessen  “I still miss someone” und “September when it comes” (dem letzten Duett von Vater und Tochter) die Ehre erwies.

Zudem wählte Rosanne Cash stilgerecht den Country-Klassiker-Ohrwurm “Ode to Billie Joe” von Bobbie Gentry als ihre persönliche Referenz an ein musikalisches Vorbild aus, das zusammen mit den Begleitern eine wunderbar groovende Renaissance erfuhr und sicher von vielen Zuhörern gleich nach dem Konzert mal wieder aus der Plattenkiste gekramt oder frisch downgeloadet wurde.

Eine erste Session des Abends, die bereits alle Versprechen einlöste, die man sich von dem Konzert gemacht hatte. Fortgeführt in grandioser Weise durch die musikalische Antwort von Joe Henry auf die einmal an ihn gerichtete Frage, welchen Song eines anderen er selbst gerne geschrieben hätte. Seine Version des Bob Marley Freiheitsaufrufes “Redemption song” wurde dem Gänsehaut-Original absolut gerecht und würdigte auf diese Weise einen der politischen Meilensteine des globalen Evergreen-Songbooks.

Die zweite Hälfte bestritt der in jeder Hinsicht als Querdenker für Gerechtigkeit und Rebell für mehr Menschlichkeit zu bezeichnende britische Songwriter Billy Bragg, den man wohl als Ikone des politischen Songs bezeichnen muss, der ganz in der Tradition eines Woody Guthrie, des frühen Bob Dylan, von Joan Baez und Bob Marley steht.

Der wegen seiner Punkwurzeln und Solo-Auftritte als “One-man-Clash” titulierte Bragg beschwört seit drei Jahrzehnten unermüdlich einen Sozialismus des Herzens und lebt dieses Ideal als Aktivist mit Courage und Herz vor und aus. Sehr präsent, sehr eloquent, mit ironischem Witz und einem Songkatalog im Gepäck, der ihn als einen der ganz Großen der Gattung Songwriting ausweist, konnte er sich der Tatsache erfreuen, dass mehrheitlich “sein” Publikum anwesend war, das jeden Song und jede politische und private Äußerung mit heftigen Sympathiebekundungen begleitete.

Billy Bragg spielte neben einigen Songs aus seinem abermals tiefgründigen und musikalisch exzellenten aktuellen Album “Mr. Love & Justice” (welch treffende Selbstcharakterisierung) auch eine Reihe seiner unvergleichlichen  agitpropartigen Lieder, die Musterbeispiele dafür sind, wie man politische und musikalische Leidenschaft in faszinierend ausbalancierten Ausdrucksformen verbinden kann.

“A new England” präsentierte er dann auf Wunsch seines Freundes Henry so, wie ihn die Hardcore-Fans aus seinen Anfangsjahren kennen, allein mit seiner rotzigen E-Gitarre und seinem intensiven Gesang. So habe ich diesen engagierten Briten seinerzeit kennen und schätzen gelernt- ein aufrichtiger, wachsamer und aufrüttelnder Poet, der sich dem Proletariat verpflichtet fühlt sowohl von seiner Herkunft als auch von seinem Herzen und Gewissen her.

Ein politischer Mensch, ein Streiter für die, denen Lobby und Stimme fehlen und die zu ehrlich und zu bescheiden sind, um ihre Rechte und ihre Würde einzuklagen. Einer, der immer will, dass auch die Verlierer der Gesellschaft als Gewinner des Lebens betrachtet werden und dass Veränderungen Chancen sind.

“Talking with the taxman about poetry” ist so eine dieser Bragg´schen Formeln, die verdeutlichen, wie dieser Mann zur Stimme der kleinen und einfachen Leute geworden ist. Und entsprechend mitsingwürdig präsentiert er das mitfühlende privat-politische “Greetings to a new brunette” sowie das fabelhafte, politisch so herrlich inkorrekt korrekte “Levi Stubb´s tears”.

Seine aufrichtig gemeinten Komplimente an das deutsche Volk, mit der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands auch die Zusammenführung Europas auf vorbildliche Weise vorangetrieben zu haben, waren an diesem 3. Oktober sicher die denkwürdigsten und dankbarsten Beiträge zum Tag der deutschen Einheit und brachten dem Streiter für Freuden und Freiheit zusätzliche Sympathiepunkte ein.

Ganz anrührend für mich persönlich die wundervolle Liebesballade “The man in the iron mask,” die ich auch beim tausendsten Hören noch zu den Songs zählen werde, die mich durch ihre Schlichtheit und Wahrheit tief ergreifen. (Ich empfehle an dieser Stelle jedem noch unwissenden, aber neugierig gewordenen Musikliebhaber die liebevoll gemachten Werkausgaben).

Ja, diesem Billy Bragg ist es tatsächlich auch gelungen, bei aller Politik und gelegentlichen Polemik zu wirklicher Poetik vorzudringen und Lieder zu schaffen, die Generationen überdauern werden. Da gibt es für mich keinen Zweifel, dass er dereinst neben dem großen Bob Dylan und seinem Freund Joe Henry in vorderster Reihe der göttlichen Songwriter sitzen wird.

Als Zugabe des musikalischen Triumvirats schließlich dann eine kongeniale Verkettung der beiden Songperlen “People get ready” und “Tupelo Honey”, bei dem der Song von Curtis Mayfield die Ballade von Van Morrison parabelhaft umschloss und durch den perfekt harmonierenden mehrstimmigen Gesang von Cash, Bragg und Henry zu einem würdig abschließenden der vielen Höhepunkte  gebracht wurde.

Century of song. Dieser Abend war wahrlich ein Jahrhundert des Herzens für Musikliebhaber. Thanks a lot!

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