Die Band der unbegrenzten Möglichkeiten – Viva Calexico!
Calexico sind seit über einem Jahrzehnt mehr als nur eine herausragende amerikanische Band. Joey Burns, John Convertino und ihre treuen musikalischen Begleiter sind die Musik gewordene Landkarte des amerikanischen Kontinents, die sich fortwährend entwickelt. Einmal mehr auf dem fabelhaften neuen Album “Carried to dust”, das zu den herausragenden Veröffentlichungen des Jahres zählt. Das gleich vorweg.
Calexico sind im Oktober auf Deutschlandtournee
Calexico repräsentieren das ehrliche, authentische Amerika mit all seinen menschlichen Facetten, bewundernswerten Stärken, liebenswerten Schwächen und endlosen Weiten der Landschaften, die nicht weniger als einen ständigen Cinesmascope-Blick erwarten. Die Musik von Calexico liefert die akustischen Kurzfilme dazu, zeichnet die Charaktere, Stationen und Situationen einer Reise in das Innere des Landes.
Wir entdecken Orte, Figuren, Gesichter, Geschichten, die weit entfernt sind von gängigen US-Klischees, von Bush-Krieg, Obama-Show, Hollywood-Chimären und dem Walk of Fame. Die Grenzgänger von Calexico lassen uns das große weite Land von innen kennen lernen, bis hinein in südamerikanische Gefilde.
Es beginnt mit dem absolut mitreißenden “Victor Jara´s Hands,” das dem gleichnamigen chilenischen Volkshelden huldigt, der im Umfeld des Putsches von 1973 mit Unterstützung der CIA gefoltert und ermordet wurde. Mit unmittelbar packendem Latino-Rhythmus, kristallklarer Akustik-Gitarre, wunderschönen Trompeten-Kaskaden, traumwandlerisch sicheren Backing Vocals, einer sofort berührenden Stimmung a la Buena Vista Social Club hat dieses erste Stück gleich alles im Gepäck, was die Einzigartigkeit, die Unverwechselbarkeit von Calexico ausmacht.
Was für ein glorreicher Start, der Ihnen stante pede endgültig einen ganz vorderen Platz im Olymp meiner Lieblingsbands sichert.
“Two silver trees” mit dem asiatisch anmutenden poetischen Intro, das sogleich von einem tiefen Akkordeon-Atmen empfangen wird, beweist einmal mehr, dass Joey Burns als Sänger immer besser wird und mitunter das gewisse Etwas hat, das unter die Haut geht. Wie er uns diese schillernde Melodie ins Ohr flüstert, lässt ihn zum Freund für immer werden.
Das Gitarrenflirren der Ballade “The news about William”, eskortiert von zarten Streichern und butterweichen Bläsern, kommt daher wie Schmetterlinge im Bauch. Das Herz dreht sich vor 3/4-Takt-Freude im Kreis, beschwingt von einer Walzermelodie wie sie seit dem seligen Strauss-Clan nur eben diese Band Calexico beherrscht.
Schon nach drei Stücken ist Bewunderung ein zu kleines Wort für diesen großen Songreigen.
Dann staubt eines dieser kurzen lyrischen Instrumental-Intermezzos auf, wie Calexico sie so gerne einzustreuen pflegen. Kaum da, schon wieder weg und doch bleibt es haften. Das ist feinster Goldstaub, der auf diesem Album aufgewirbelt wird. 15 kostbare Nuggets, die Glanz auf jedes Ohr zaubern.
Das nächste ist “Writer´s minor holiday”, das aus einer Western-Geisterstadt direkt in die Prärie springt wie ein junges Fohlen, das auf der Suche nach einem Cowboy ist. In “Man made lake” treffen sich Convertinos präzise Takte und Burns stimmliches Schwelgen zu einem höchst spannenden Duell, das schließlich eine Klapperschlange von Gitarre gewinnt.
Ein weiterer Höhepunkt reitet mit den heiß geliebten Mexikanern bei “Inspiracion” ein, die die Calexico-Sounds von jeher bevölkern. Mariachi vom Feinsten mit dem Gesangsdebüt des Trompeters Jacob Valenzuela, der auch gleich die melancholischen Bläser-Akzente in den Tango-Rhythmus setzt. Ein Augenzwinkern, aus dem eine Träne rollt. Grandios, das hätte auch “Rio Bravo” oder “El Dorado” veredelt.
Kleiner Abstecher nach Argentinien, wo um das “House of Valparaiso” ein Rosengarten von Klang und Gesang wächst, in dem Bläser blühen und Burns Gesang Früchte trägt.
Im Duett mit der kanadischen Sängerin Pieta Brown schmachtet Burns die Country-Ballade “Slowness”, die ihrem Titel alle Ehre macht. Das Paar findet hier zu einer Intimität, die man sonst von den stilistisch verwandten Hymnen einer Emmylou Harris kennt.
Auch “Bend in the road” ist absolut titelgerecht, fühlt man sich hier doch in ein düsteres Road Movie mit Dennis Hopper in der Hauptrolle versetzt. Ultimativer Outlaw-Faktor mit reichlich Whiskey-Sehnsucht im Timbre.
Schon galoppiert mit “El Gatillo” ein weiterer stolzer mexikanischer Instrumental-Reiter über die durchgehend verschwimmende Songgrenze. Bei Calexico findet jeder Heimat und Asyl, multikulturelles friedliches weites Land ohne Anfeindungen. Vorbildlich.
Gibt es Perfektion? “Carried to dust” jedenfalls ist ganz nahe dran.
In “Fractured air” wird die Luft dünner. Kein Wunder, die Band beobachtet aus der Ferne einen Tornado, wie sie derzeit wieder über die Küstenregion der Staaten fegen. Musikalisch ist das alles andere als ein Sturm, eher die besänftigende Ruhe danach.
“Falling from sleeves” bricht einem sofort das Herz mit seiner an Simon & Garfunkel erinnernden Melodie, die Platz macht für einen weiteren magischen Moment, das geheimnisvolle “Red blooms”. Wieder so ein Song, in dem sich der faszinierende Kosmos von Calexico derart verdichtet, das einem ein Bild nach dem anderen durch den Kopf schießt.
Und “Contention city” schließlich ist die Fahrt im Greyhound Bus bei Sonnenuntergang, bei der man durch staubtrübe Fensterscheiben auf das eigene Leben schaut und für diese ungewisse Reise ein Panorama aus Akkorden einsammelt.
Meine Kehle ist trocken, Kleider und Stiefel voll Staub, der Bart wie Kaktusstacheln gewachsen und meine Lippen schmecken nach Salz von ein paar vertrockneten Tränen. Schön, wieder zuhause zu sein. In den Vereinigten Songstaaten von Calexico.




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