Nils Lofgren adelt Neil Young
Seit 30 Jahren bewundere ich diesen Mann (nicht nur wegen seiner legendären Saltos mit Gitarre auf der Bühne) und wundere mich jedes Mal, dass Nils Lofgren nicht zu den Größten zählt, was Popularität und Verkaufserfolge betrifft. Denn “Keith don´t go” oder “Girl in motion” zählen für den Ohrtrommler zu Meilensteinen amerikanischen Songwritings, die eigentlich in die Plattenregale aller Musikliebhaber gehören, die etwas auf ihren Sachverstand halten.
Dass Lofgren im Bewusstsein der Mehrheit keiner von den ganz Großen ist, hat sicher wenig mit seiner kleinen Statur zu tun, die ihn etwas unscheinbar anmuten lässt in diesem elenden Superstar-Zirkus, mit dem so ein integerer Mann wie er nichts, aber auch gar nichts am Hut hat. Es hat vornehmlich mit seiner Bescheidenheit zu tun und mit seiner oft bewiesenen Fähigkeit, im Hintergrund als Mitglied eines Teams zu wirken, obwohl der Mann wirklich auch Rampensau-Qualitäten hat (man sehe sich nur seine Rockpalast-Auftritte an).
Klein hin, klein her – Als Gitarrist jedenfalls ist Nils Lofgren unwidersprochen und anerkanntermaßen ein Riese. Wer einmal Gast bei einem seiner begnadeten Acoustic Live Sets war, würde nie wieder (bei aller Bewunderung auch für diesen Gitarren-Hero) “Clapton is god” als Graffiti auf eine Hauswand sprühen, sondern immer “Lofgren is god.” Was er bei solchen Gelegenheiten solo auf der Bühne zu leisten imstande ist, lässt einen jeden Hut ziehen vor soviel Musikalität und improvisatorischer Genialiät.
Dazu kommt eben, dass dieser feinste Filigran-Finger unter den Saitenzupfern nicht nur ein beseelter Virtuose ist, sondern auch eine ausgesprochen sympathische Erscheinung, ein Typ zum Anfassen, der Kumpel von nebenan. Ganz selbstverständlich setzt er sich nach Konzerten eigenhändig an irgendeinen Tisch und signiert unermüdlich CD´s, T-Shirts und was ihm sonst von den Fans angetragen wird, hat für jeden ein freundliches Wort und ein ehrliches Lächeln. Er ist einer, der sich tatsächlich immer noch und immer wieder an seiner Kunst und der Begeisterung seines Publikums gleichermaßen erfreuen kann. Vorbildlich uneitel. Absolut professionell.
Ein guter Mensch, ein treuer Freund, und um den Bogen wieder zu schließen, ein Gitarrist von Gottes Gnaden. Dass er das nicht raushängen lassen muss, zeigt seine wahre Größe. Darum schwört der “Boss” ebenso auf ihn wie sein alter Buddy und Weggefährte Neil Young es einst tat, als er das junge Gitarrentalent für sein Meisterwerk “After the gold rush” engagierte. Jetzt erweist Lofgren dem geschätzten Kollegen und ebenfalls begnadeten Gitarristen Young seine Reverenz mit einem kleinen, feinen Album, das aus der Masse, in der es wahrscheinlich wieder einmal kaum jemandem auffallen wird, herausragt.
Auf “The Loner – Nils sings Neil” interpretiert Lofgren 15 Songs des Songwriter-Meisters und das auf kongeniale, weil ganz schlichte und reduzierte Weise. Lofgren spielt die gut ausgewählten Lieder aus dem reichhaltigen Katalog des Kanadiers lediglich (auch das eine sehr schöne Geste) auf der Martin D-18 Gitarre, die Neil Young ihm 1970 als Dank für die Mitarbeit am “Goldrausch” schenkte und auf dem alten Hardman Grand Piano, das seinem Schwiegervater gehörte. Und damit setzt Lofgren drei i-Punkte auf seinen Vornamen, die auf dieser schönen Platte zwischen den Akkorden und Textzeilen hörbar werden: Identität, Individualität, Intimität.
Nils gelingt auf seine ganz eigene, unverwechselbare Weise, das Wesentliche von Neils Lied-Gut transparent zu machen, mit der ihm zugehörigen Empathie und Sympathie sowie dem Respekt vor dem schöpferischen Ursprung und dem Vertrauen auf einen neuen schöpferischen Akt und Prozess in der Auseinandersetzung und Annäherung. Lofgren macht aus Youngs Songs inspirierte kleine Lieder, die ihre wahre Größe wie der Mann selbst aus ihrer Einfachheit, Klarheit und Aufrichtigkeit beziehen und so zum zweiten Mal einen originären Charakter erhalten und einen weiteren Beleg für ihre künstlerische Werthaltigkeit und Zeitlosigkeit erfahren.
“The Loner – Nils sings Neil” ist ein Album voller Freundlichkeit und Menschlichkeit geworden, voller Gefühl für den richtigen Ton in einer passenden, authentischen Tonalität. Ein echter Freundschaftsbeweis, von dem ich mir sogleich wünsche, dass es ihn von Nils demnächst ein zweites Mal gibt, wenn er mit einem ähnlichen Projekt auch die Songs von Bruce Springsteen würdigt. Und das verbinde ich gleich mit dem ultimativen Tipp für alle Gitarrenfreunde und solche, die es werden sollen. Kauft Euch die DVD “Nils Lofgren & Friends: Live acoustic” und ihr werdet aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Vor allem bei den Zugaben mit besagten “Keith don´t go” und “Girl in motion.” Vor allem aber mit dem ultimativen Höhepunkt seiner Interpretation von “Because the night.” Da kniet selbst der große Boss vor dem Kleinen nieder.
Übrigens: Wer gerne eines Tages selbst einmal ein großer Gitarrist werden will, nimmt am besten doch gleich bei Meister Lofgren himself Unterricht. Auf seiner Webseite gibt´s dafür eine eigene Guitar School:

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