Musik - 03.06.08 -

Circe in Waits Welt: Gesungener Zauber von Scarlett Johansson

Schon ihr Vorname Scarlett ist ein sinnliches Versprechen, das in einem der legendärsten amerikanischen Filmevergreens opulent eingelöst und in abertausenden TV-Wiederholungen tränenreich vom Winde verweht wurde.

Sie ist dank der letzten Woody-Allen-Meisterwerke “Match Point” und “Scoop” und ihrer hinreißend berührenden Film-Partnerschaft mit Bill Murray in “Lost in translation” zu einer der heißesten Jung-Divas Hollywoods avanciert.

Der neue blonde Zelluloid-Männertraum mit dem lasziven Charme einer sehr reifen Lolita lässt mit einer höchst verführerischen Mischung aus mädchenhafter Koketterie und gleichzeitig umwerfend sympathischer Ausstrahlung einer starken Frau reihenweise Kerle schwach werden und ist auf dem besten Wege, der Traumfabrik endlich eine neue “Marylin” zu schenken, hoffentlich ohne deren einsam-tragischen Werdegang.

Zu Körper und Seele der Johansson kommt die seltsame Sinnlichkeit ihrer Stimme, die eher Sprech- als Singstimme ist, aber gerade daraus auch einen gewissen gebrochenen Reiz bezieht, der dem Kuriosen, Bizarren und Spleenigen des schrägen Songpoeten-Genies Tom Waits auf neue Weise Eigen-artiges abgewinnt, das durchaus Staunen macht. “Anywhere I lay my head” präsentiert 10 klug ausgewählte Cover aus dem Songbook von Waits und eine mit Produzent David Andrew Sitek gemeinschaftlich entwickelte Eigenkomposition, die sich nahtlos in den Reigen fügt. Im Ganzen ergibt das ein Album, das im besten Sinne merkwürdig ist und zu bezaubern weiß.


Der an der Grenze zum Unwirklichen taumelnde, nach Sicherheit tastende Alt-Gesang der Johansson haucht den knorrig-knarzig-melancholisch-melodischen Kompositionen des kreativen Kauzes etwas Ungefähres ein, das die Lieder in ein ganz neues, zugleich befremdliches und vertrautes atmo-sphärisches Gewand kleidet. Es ist etwas Fernes, Entrücktes in diesen in Elektropop-Arrangements gebetteten Scarlett-Voices, das den oft überdrehten, aber stets sehr geerdeten Liedern von Tom Waits eine zweite Aura mitgibt, die sich nicht in Konkurrenz zum Original begibt, sondern in Korrespondenz tritt. Als wolle eine verträumte Fee einem skurillen Kobold eine Liebeserklärung machen.

Dass Tom Waits dem Projekt seinen Segen gab, spricht dafür, dass er selbst feixende Freude am Ergebnis finden könnte, sich selbst, den Meister der Singenden Sägen, so entstellt zu hören. Dazu passt auch die sehr treffende Beschreibung von Dave Sitek, was den avisierten Klang und die intendierte Stilausrichtung des Albums betrifft. Es solle klingen, als hätten die Akteure zuviel Hustensaft getrunken und de Fee Tinkerbell gesehen. Stimmt. Wer Scarlett zur Spieluhren-Begleitung von “I wish I was in New Orleans” schmachten hört, denkt an Alice im Wunderland.
Zu diesem Märchen-Klassiker hat Tom Waits ja auch schon mal mehr oder weniger ein ganzes Album assoziiert, das fabelhafte “Alice” mit herrlichen Schrullen wie “Kommeniezuspät” oder “Reeperbahn” und wundervollen Balladen wie “No one knows I´m gone” oder “I´m still here.”

In einem solchen Spektrum von wundersamer Bizarrerie und Zerbrechlichkeit bewegt sich auch das lange nachwirkende Album von Scarlett Johansson, der man gleich die starke Schulter bieten will, dass sie wie im Titel gewünscht doch ihr blondes Haupt dort betten möge. Und wenn es noch eines Qualitätsbeweises bedarf, dann sei erwähnt, dass kein Geringerer als Pop-Ikone David Bowie der Debütantin gleich zwei mal auf “Falling Down” und “Fannin street” die Ehre des Gastgesangs erweist.

Diese Frau weiß einen wirklich zu bezirzen.

www.scarlettalbum.com
www.myspace.com/scarlettalbum



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