Film, Stars - 28.04.08 -

Filmkritik: 1. Mai – Eine Demonstration filmischer Intensität

Am 30. April kommt ein filmisches Experiment namens “1. Mai” in die Kinos, das man als gelungen bezeichnen muss. Es verdient sogar hohe Anerkennung (die ihm bereits als Eröffnungsfilm der diesjährigen Biennale zuteil wurde) und zwar aus mehreren Gründen. Für seine Idee, 4 Regisseure drei Geschichten an einem geschichtsträchtigen Tag, dem 1. Mai erzählen zu lassen. Und das an einem zentralen Ort, an dem dieses Datum regelmäßig zur Demonstration von Staatsmacht in Form von polizeilichem Gewaltmonopol versus bürgerlicher Ohnmacht in Form von sinnloser, weil rebellionsarmer, sich in blinder Lust an Randale äußernden Gegengewalt wird: Berlin.

Anerkennung gebührt dem Film vor allem für den Mut und die schonungslose Offenheit im Umgang mit dem Phänomen Gewalt und der teils unerklärlichen Motivlosigkeit vieler solcher Taten. Für den radikalen Willen, mitten in die reale Mai-Demonstration und in die Vielzahl der schwelenden Konflikte rein zu gehen und eine Innenbetrachtung von Szenarios zu liefern, die von außen betrachtet nur zu unzureichenden Verallgemeinerungen und darum nicht zu Erklärungen taugen. Für die Nachhaltigkeit in der Wirkung, die uns eine weitgehend orientierungslose, hemmungslose, beinahe würdelose, wertelose und darum wertlose Welt vor Augen führt, in der das Leben, das Lieben und das Töten quasi im Vorübergehen erledigt werden ohne wirkliche innere Beteiligung, bedingte Reflexe nur mehr – eine Gewaltspirale als Perpetuum Mobilet.

In diese Spirale verflochten sind Jacob und Pelle, zwei Freunde aus der Kleinstadt, die als Krawalltouristen in der Hauptstadt unterwegs sind, der elfjährige Türke Yavuz, der von der fixen Idee besessen ist einen “Bullen platt zu machen” und der Provinzpolizist Uwe, den der Frust über das Fremdgehen seiner Frau und mehr beschäftigt als seine Aufgabe, für De-Eskalation der Gewalt zu sorgen.

Dass diese parallel erzählten Geschichten der einzelnen Protagonisten so gut ineinander greifen, hat nicht nur mit der zeitlichen Parallelität der Ereignisse zu tun, sondern auch mit dem Phänomen der nebeneinander entstehenden Gewalten, die sich bis zum erschütternden Ende des Films zu einer einzigen großen Welle von Gewalt aufrollen.

Dabei ist “1.Mai” ist in erster Linie ein emotional seismografischer Film über Sprachlosigkeit. Denn an die Stelle des Dialogs und der Verständigung tritt hier in jeder Konfliktsituation das Faustrecht. Wie der kleine Kreuzberger Yavuz vom Wahn seiner Patriarchats-Kultur und seinem Umfeld geprägt, kaltblütig seinen “Machttraum” verwirklicht, ist zunächst beängstigend und gibt in der versöhnlichen Schlusswendung Anlass zur Hoffnung, dass er doch noch lernt, gewaltfrei zu leben, weil er den Unsinn von Gewalt begreift.

Aber er hat eben auch Glück, dass seine Tat letzten Endes glimpflich abgeht und ihn sein spätes Mitgefühl vom Schicksal befreit, in eine endlose Gewalt-Karriere getrieben zu werden. Hier hat der Film seinen einzig wirklich tröstlichen Moment, wenn Yavuz Opfer, der desillusionierte Alt-Autonome Harry, den jungen Täter vor Strafe schützt, die so sinnlos wäre wie der Gewaltakt. Und dem Jungen damit die Chance gibt, per eigenem Nachdenken zum Erwachsenen zu werden und nicht durch die stupide Nachahmung von Männlichkeitsritualen.

Aber selbst der reflektierte Harry ist nur noch Ritualisierungen unterworfen. Dass Errichten einer Barrikade ist zur haltungslosen 1. Mai-Gewohnheit geworden. Auf Harrys Wand ist der entlarvende Satz “If I can´t dance to it, it´s not my revolution” gestempelt, der mahnt, wie weit dieses Land bereits vom Veränderungs- und Aufbegehrenswillen eines Rudi Dutschke entfernt ist. Ein Karl Liebknecht-Bild im Bücherregal von Harry und das Karl-Marx-Transparent in der Mai-Demo sind nicht mehr als Kulisse, Staffage für Proteste, die nichts von wirklicher Rebellion oder gar bewusster Anarchie haben. Liebknecht und Marx degradiert zu Randfiguren, bedeutungslos, weil sie zu nahe an der demokratischen Wahrheit der bürgerlichen Ohnmacht sind, die sich nur noch in Frustrationen und Depressionen und zerstörerischen Aktionen ein wenig Bahn in die Verzweiflung brechen kann.

Harry selbst hat den Glauben an das, wofür er einst tatsächlich stolz und aufrecht gekämpft hat, längst verloren, auch wenn er die Grundidee des Kommunismus noch beherzigt und simpel, aber anschaulich “demonstriert” mittels zweier Flaschen Bier, von denen er eine mit dem fremden Jungen “teilt”, weil es genau darum geht bei der Idee von Gleichheit und Brüderlichkeit. Der Dank für diese Lehre ist in diesem Fall eine Wunde am Kopf, die ihm Yavuz zufügt, nur um sein Ziel, jemanden platt zu machen, endlich zu realisieren.

Die Episode mit dem Polizisten Uwe könnte man da fast schon als entspannende Slapstick-Einlage missverstehen, schildert sie doch seinen grotesken Weg vom gehörnten Ehemann über den belächelten und zum Puffbesuch verführten Kollegen bis hin zum von Zuhältern erst irrtümlich verprügelten und dann im Krankenhaus abgelieferten Pechvogel. Aber ob der Betrug seiner Frau, die verbale Demütigung durch einen Kollegen, die Fast-Vergewaltigung durch eine schwergewichtige Prostituierte oder die Kopfnuss des Zuhälters, auch hier greifen verschieden Formen von Gewalt in das Leben eines Menschen ein.

Ganz in die Tiefe und unter die Haut führt aber die Geschichte, die parabelhaft den Film trägt von einem kurzen unverständlichen Beginn, der behutsam und zärtlich anmutet bis hin zum auflösenden Ende, das einen bestürzt und fassungslos zurücklässt.

Denn Jacob, der seinen Freund Pelle eher zur Randale nach Berlin und dort zum “Jagen tragen” muss, hat sich längst in seiner eigenen Sprachlosigkeit und der daraus resultierenden Gewalt verloren, hinterlässt eine erschütternde Spur und ein tragisches Dokument dieses 1. Mai, den er für seine Großeltern und für sich offensichtlich zum Todestag erklärt hat.

Ausgerechnet aus den Videobildern des Freundes erfährt Pelle die ganze Wahrheit über Jacob und die Tragweite seines provokativen Verhaltens an diesem Tag. Pelle hält zum Schluss den Beweis in den Händen, das alles Erlebte kein inszeniertes Spiel, sondern blutiger Ernst war. Das beinahe stumme Video-Tagebuch von Jacob ist das Geständnis eines Mörders und Selbstmörders.

Und das macht auch die große Stärke und Glaubwürdigkeit dieses filmischen Experiments aus, dass das Wesentliche nicht in den ohnehin knappen Dialogen gesagt wird, sondern in den Pausen und zwischen den Zeilen, in Bildern, die für sich sprechen und das Wichtige erzählen. So entsteht ein unverstellter Blick, der vielschichtig und sensibel die Fragilität freilegt, die das System menschlicher Beziehung darstellt. Egoistische Weltbilder und Lebensläufe, die nur zu Ausgrenzung und nicht zu Integration führen können, die emotionale Demarkationslinien ziehen, wo immer ein anderer Gedanke, ein anderes Gefühl auftaucht als das eigene. Und auch akustisch ist das alles sehr dicht und situationsnah inszeniert und zudem mit einem ausgezeichneten Soundtrack versehen, der sehr zu empfehlen ist.

An dieser Stelle ist der “1. Mai” Furcht erregend wahrhaftig, zeigt er doch in jeder Drohgebärde oder wirklichem Moment von Gewaltanwendung, wie rau und roh die Sitten bereits sind in einer Gesellschaft, in der jeder Nächste schon der erste potenzielle Gegner oder gar Feind ist. Eine De-Eskalation der Gewalt, wie sie der tumbe Polizist Schröder sarkastisch formuliert, ist darum nahezu unmöglich. Denn Gewalt ist die permanente Reaktion auf Lebensunfähigkeit und Gefühlskälte und der ernüchternden Erkenntnis, dass jeder sich selbst der Nächste ist. Ein Film der schmerzt, auch und gerade über sein Ende hinaus nachwirkt und sich im Kopf verlängert.

In seinen besten Momenten erinnert “1. Mai” durch seine dokumentarische Inszenierung mit diversen subjektiven Kamerafahrten und Handkameraeinstellungen streckenweise an die dänische “Dogma” Reihe. Sehr nah, sehr dicht, sehr authentisch und immer mittendrin im Geschehen ist er auch auf diese Weise ein Ausdruck von Radikalität, die menschliche Regungen wie Freundschaft, Toleranz, Liebe nur noch marginal zulässt.

Ob dieser sperrige, kantige, schwer an die Nerven und an die Nieren gehende Film ein großes Publikum findet, darf eher bezweifelt werden. Er dürfte eher jüngere Zuschauer und Apo-affine Ältere anziehen. Verdient hätte der “1. Mai” auf jeden Fall viel Zuspruch, weil er ein Thema anpackt, dass uns in Zukunft noch mehr und intensive beschäftigen wird.



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