Kult, Live, Musik - 24.04.08 -

Sternstunden der Klassik: Die 3-2-1 Ignition-Reihe der DüSy

Sternstunden der Klassik: Die 3-2-1 Ignition-Reihe der DüSy Foto: Düsseldorfer Symphoniker
Das “Planetarium der Musik,” die Düsseldorfer Tonhalle, erfährt derzeit eine Würdigung und Wert schätzende Wiederbelebung, die man nur als Weg weisend bezeichnen kann. Denn seit seinem Antritt im September 2007 hat der neue Intendant Michael Becker mit seinen Düsseldorfer Symphonikern (DüSy) das architektonische wie akustische Kleinod als Tempel lebendiger Musik-Begegnung wieder entdeckt und im wahrsten Sinne des Wortes neu erschlossen.

Die Tür in die Zukunft klassischer Musik-Rezeption und zu jüngeren Zielgruppen ist weit geöffnet, seit der Musik-und-Kommunikations-Experte Becker mitsamt seines symphonischen Ensembles initiativ geworden ist, an der bisweilen antiquarisch anmutenden Kommode der klassischen Musik zu rütteln, den Staub runter zu pusten und aus den Schubladen keine Bestätigungen von unzutreffenden Vorurteilen, sondern überraschend aktuelles Kulturgut zu ziehen und diesem Raum und Zeit zu schenken. Und damit ein eigenes neues Universum für musikalisches Erleben und Dialog.

Sternstunden der Klassik: Die 3-2-1 Ignition-Reihe der DüSy Foto: Düsseldorfer Symphoniker

Die Düsseldorfer Initiatoren haben die Zeichen und Chancen der Zeit nicht nur erkannt, sondern auch intelligent genutzt und auf ebenso originäre wie originelle Weise eine überzeugende Form dafür gefunden. Mit der 3-2-1-Ignition-Reihe haben die DüSy in Kooperation mit dem Institut für Musik und Medien ein kreatives Konzept entwickelt und zur Aufführungsreife geführt, das in vorbildlicher Weise ein Angebot an die junge Generation macht, den ewigen Jungbrunnen der “alten” Musik kennen zu lernen. Eine sensible und unverkrampfte Einladung an die Jugend, die Hemmschwelle zur Klassik mühelos zu überschreiten und dafür mit reichem Kulturgenuss beschenkt und bereichert zu werden.

Die Kunst der sinnlichen Verführung der Ignition-Konzerte macht einem der obersten Kommunikations-Prinzipien alle Ehre, dass Werben in erster Linie etwas mit Umwerben, Umgarnen zu tun hat. Genau das konnte man am vergangenen Dienstag wieder erleben. Sympathisch, charmant nie anbiedernd oder anmaßend, stets glaubwürdig präsentiert Becker ein Klassik-Programm, das nicht nur beste Werbung für die Konzerthalle, das Orchester und musikalischen Nachwuchs ist, sondern auch Interesse für die Stadt Düsseldorf und andere kulturelle Events weckt, die in der Tonhalle und Ihrem Umfeld (Deutsche Oper am Rhein Schauspielhaus) stattfinden. (Und von guter, weil glaubwürdiger “klassischer” Werbung verstehen der Ohrtrommler und die Zoolamar-Masterminds von Berufs wegen nicht wenig.)


Besonders lobenswert ist auch, dass die moderne Aufbereitung der Konzertreihe sich nicht der Gefahr der bloßen Effekthascherei aussetzt, sondern die technischen Hilfsmittel wohlüberlegt und wohldosiert zum Zwecke des Ganze einsetzt. Was auch absolut als psychohygienisch zu verstehen ist. Denn Statt permanenter Reizüberflutung und emotionaler Überforderung setzt 3-2-1-Ignition auf die pointierte Anregung zu sinnvoller Sinneswahrnehmung, die geistige Konzentration und seelische Kontemplation in “Einklang” bringt. Das ist wohltuend und entlastend. Dazu kommt noch der interaktive, inspirierende und motivierende Aspekt der Veranstaltungsreihe. Denn im Planetarium der Musik greift man in jeder Hinsicht nach den Sternen. Man will Nachwuchs nicht nur als passive Musikkonsumenten für Oper und Symphoniekonzert gewinnen, sondern Jugendliche zugleich auch zu animieren, ihre aktive Freude an Musik zu entdecken und möglicherweise den Weg zum Instrument, zum Gesang oder sogar zum Dirigentenpult zu finden.

Sternstunden der Klassik: Die 3-2-1 Ignition-Reihe der DüSy Foto: Düsseldorfer Symphoniker

So gab es am Dienstag in der Rotunde, dem offenen Forum unter der Tonhalle, eine Pausenüberraschung der besonderen Art, als Dirigent Simon Gaudenz cora publico zu einem Mini-Workshop “Dirigieren” lud und assistiert von Michael Becker am Klavier den Jugendlichen die Möglichkeit bot, selbst am Pult zu stehen und den Taktstock zu schwingen. Ein exzellentes Infotainment-Intermezzo, das an diesem Abend auf viel Sympathie, große Gegenliebe und reichlich zusätzlichen Beifall stieß.

Und schließlich funktioniert die zündende DüSy-Idee auch ganz hervorragend als Konzept der Zusammenführung von Generationen, wie man bei “Family business” sehen konnte. Viele Familien nahmen den Programm-Titel wörtlich und fanden Freude an der gemeinsamen Entdeckung und Unternehmung. So harmonisch und konfliktfrei sieht man junge und weniger junge Menschen sich selten begegnen, respektieren und gleiche Interessen und Erlebnisse teilen. Synchrone, simultane Glücksmomente sogar kann man in der Tonhalle beobachten. Was eigentlich nicht wundern dürfte, wenn es nicht allzu selten wäre und damit umso mehr zur Nachahmung empfohlen werden müsste.

Daniel Barenboim beweist ja seit Jahren bereits mit seinem integrativen Konzept des gemeinsamen Musizierens von israelischen und palästinensischen Musikern, welche Frieden stiftende und Verständigung fördernde Kraft Musik hat und welche Harmonisierungspotenziale in ihr stecken als einzige wirklich universelle, Völker und Kulturen verbindende Sprache.

Die Sprache bei “Family business” war geprägt durch eine wiederum kluge Auswahl an “Klassikern,” zu denen junge Menschen schnell Zugang finden. Vom Stars Wars-Thema von John Williams über die immer wieder umwerfende Dynamik von Beethovens “Fünfter” bis zu Mozarts unvergleichlich lyrischem Melodiegefühl, zu dem sich das Schwesternpaar Danae und Kiveli Dörken beim Konzert für zwei Klaviere zusammenfand und zu begeistern wusste. Noch mehr fast allerdings bei ihrer spontanen vierhändigen Rock and Roll Zugabe. So nahe sind sich hier E und U, dass man das diese Spaltung sofort auflösen und nur noch als EU benennen möchte, denn natürlich ist auch die Klassik Unterhaltungsmusik im besten Sinne.

Das beweist in der Folge auch die Sopranistin Anne Ellersiek mit der klassischen Arie “O mio babbino caro” aus Puccinis “Gianni Schicchi,” dem eher Jazz-Klassiker “Summertime” von Gershwin und dem musikalisch in der Mitte zwischen beiden Stücken liegenden “Vocalise” von Rachmaninow.

Zwischen den einzelnen Stücken liefert der auch als Moderator geschulte Intendant Becker pointierte, werthaltige Hintergrundinformationen, die tiefere Einblicke in Entstehungsmotivationen der Komponisten zu ihren jeweiligen Werken zulassen. Damit erhält die Musik noch eine weitere Ebene zur geistigen Verknüpfung, auf der gezielt Reize zur weiteren Auseinandersetzung gesetzt werden. Das sollte Schule machen.

Schön zu beobachten, wie offen und dankbar das junge Publikum ist für eine solch behutsame, sie als erwachsene Menschen ansprechende und ernst nehmende Einführung in diesen Kosmos Klassik ist, der sich nach der Pause bei “Zarathusta” von Richard Strauss tatsächlich auch auf der Leinwand mit Einspielungen aus Stanley Kubrick´s Science-Fiction-Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum”auftut, ergänzt durch “Schöpfungs- und Lebensbilder” des Institus für Musik und Medien, die die Musik in demütigen Kontext zu unserem fragilen Planeten und seinen Geschöpfen setzt.

Zu den Klängen des Walzers schlechthin “An der schönen blauen Donau” scheint sich das 2001-Raumschiff wie das Wiener Riesenrad durch das Planetarium der Musik zu drehen und in allen anwesenden Herzen zu landen. Und als Zugabe und emotionaler Schlusspunkt setzt sich das warm fließende “Nimrod” aus Edward Elgars wunderschönen “Enigma Variations” als leuchtender Stern an den Himmel der Hallenkuppel.

Wow, kann man da nur sagen und bereits voller Vorfreude dem 3. Juni 2008 entgegen fiebern, wenn das DüSy-Orchester unter dem Motto “Welcome to the club” zum dritten Mal wie Klassik-Kosmonauten die Bühne betreten und weitere audiophile Raketen in den Tonhallen-Raum abschießen.

Offensichtlich kommt das Konzept so gut an, dass nicht nur die “Hütte”, wie Becker es erfrischend zeitgemäß formulierte, voll ist, sondern bereits nach der Auftaktveranstaltung der Wunsch an die Macher herangetragen wurde, die Abstände zwischen den einzelnen Konzerten zu verkürzen. Und auf der Homepage der Reihe können bereits Titel für die nächste 3-2-1-Staffel gevotet werden. Es geht also Gott sei Dank weiter mit dieser Supernova von Idee.

Und so zeichnet sich schon jetzt ab, dass die Ignition-Reihe bereits jetzt weit über das Stadium eines Experimentierfeldes hinaus geschossen ist und auf dem besten Weg ist , neue Sphären der Musikbegeisterung zu erschließen und sich die verdienten Lorbeeren eines Kult-Events zu erarbeiten. Ja, man darf ausnahmsweise mal ganz ungestraft das Wort Kult in den Mund nehmen, weil der inzwischen inflationär verwendete Begriff hier in direkter Ableitung von und in echtem Bezug zu Kultur steht.

Und das ist wohl das größte all der bereits gemachten Komplimente, die man machen kann. 3-2-1 Ignition ist Kultur pur.

www.321ignition.de
www.myspace.com/ignition321

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