Musik - 09.04.08 -

Der live dokumentierte Wahn der genialen Band 16 Horsepower

Fangen wir mit der unfassbaren Tatsache an, dass diese Band namens 16 Horsepower bereits Geschichte ist, was das jetzt als Doppel-CD veröffentlichte Konzert-Dokument “Live March 2001“umso begehrlicher macht. Denn diese Pferdeflüsterer der Rockmusik haben dem lahmen Gaul Country derart die Sporen gegeben, das jeder sie schmerzlich vermissen muss, der jemals nur einen einzigen Song ihres Schaffens gehört hat.

Album Cover 16 Horsepower Live March 2001 Doppel-CD

Der Alternative Country, den diese Ausnahmeband spielte, entdeckte und belebte ein ganzes Genre neu. Allein die Wiederentdeckung und Integration und Neuinterpretation verschiedener, urprünglich den Gattungen Folk und Country vorbehaltener Instrumente für die Rockmusik sucht seinesgleichen.

Solche enorm lyrisch rockenden Banjoriffs wie in “Strawfoot” und diese bis an die Grenze zur Atemnot pumpenden, keuchenden bis röchelnden Akkordeon-Akkorde, die “American Wheeze” und “Harm´s way” zu Songs von einzigartiger Größe machen, sind von einer originären, dauerhaften Fesselungskraft, das man aus dem bewundernden Staunen nicht mehr heraus kommt.

Die ungeheuer dichte Dynamik und die Dramatik der Songaufbauten, die immer auf dem Drahtseil zwischen Pathos und Verzweiflung balanciert, machten 16 Horsepower zu einer Band von unvergleichlicher Energie und Intensität, deren Funke der Beseeltheit stets auf ihre Zuhörer übersprang wie die züngelnden Flammen des heiligen Geistes. Hier ist 90 Minuten lang nachzuvollziehen, wie sehr 16 Horsepower zwischen Genie und Wahnsinn taumelten, wie nah sich in ihren Hymnen ewige Verdammnis und Erlösung sind.

Das uramerikanische Traditional “Wayfaring stranger” ist Johnny Cash auf Weihrauch-Speed, die Litanei “I see what I saw” betet inbrünstig Sündenregister ab, alles davor und dazwischen ist der nackte, Sinn suchende Mensch in all seiner Verlorenheit und Verdorbenheit, um Orientierung und Vergebung bettelnd. Musik im Büßerhemd, das hatte es bis dato so nicht gegeben.


Aber zum Glück für uns alle weiß der Band- Mastermind, Predigerenkel David Eugene Edwards auch um die Wiederauferstehung und hat fast zeitgleich mit der sich andeutenden Auflösung von 16 Horsepower das Side-Projekt “Woven Hand” ins Leben gerufen, das umgehend in die eigenen großen Fußstapfen getreten ist und nicht weniger intensiv und kreativ das Erbe fortsetzt und neue brillante Alternative-Epen ans Kreuz der Leiden nagelt.

Doch zurück in die Vergangenheit und zu diesem Live-Dokument, das ein spätes, unverzichtbares Geschenk für alle Fans ist. Bei den Zugaben packt die Band noch einmal alle Pferdestärken zusammen und galoppiert mit zwei blendenden Covern durchs karge Seelengelände.

Mit Leonard Cohens “The Partisan” und “24 hours” von Joy Division lassen sie zwei Wildfänge an Reminiszenzen aus der Horde ausbrechen, die nicht nur den Originalen gerecht werden, sondern auch deutliche Zeichen dafür sind, wo in Edwards Welt der ideologische und emotionale Hammer hängt. Tief in der Faszination für die Finsternis und die Hoffnung auf Errettung von allem Übel. Zum Niederknien! Elektrisierend!

Weiterer Stoff zur Anbetung unter 16horsepower.com



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