Musik - 30.03.08 -

Hut ab vor dem großen Udo Lindenberg

Alte Meister 2

Udo Lindenberg rockt mit Silbermond © Warner Music

In “Ich zieh meinen Hut” erweist Udo Lindenberg zu Beginn seines neuen – und ich will es gleich ausdrücklich betonen – besten Albums aller Zeiten seinem Schutzengel die Ehre, der ihm in seinem wilden Leben beigestanden und Udo so lange erhalten hat. Was bei diesem Achterbahn-Leben auf der Überholspur ja nicht unbedingt zu erwarten war.

So können auch wir Rockfans uns gleich bei diesem Schutzengel dafür bedanken, dass er auf den großen Alten, den Pionier und ewig jungen Helden des deutschsprachigen Rock so gut aufgepasst hat. Denn so kommen wir auf Udos alte Tage noch einmal in den Genuss seiner Weg weisenden Kunst, die Dinge des Lebens textlich unverblümt auf den Punkt zu bringen und ihnen eine progressive musikalische Richtung zu geben. Ein wirkliches “Lebenswerk” von einem Künstler, der seinesgleichen sucht, weil er das unumstrittene Vorbild ist, das Alphatier des Rock, der allen anderen die Türen geöffnet und den Weg gezeigt hat, den man mit deutscher Sprache in der Populärmusik gehen kann.

Ob Grönemeyer, Westernhagen, Maffay, ob Nena, Spliff, Ideal, ob Setlur, Naidoo, Fanta 4, ob Flowerpornoes, Element of Crime, Tocotronic, ob Wir sind Helden, Juli oder Silbermond, vor allen und über allen steht Lindenberg als geistiger Urheber, Förderer, mit diesem Album aber auch zugleich wieder als ihr höchster Maßstab an Qualität, Intensität. Und Integrität.

So ist der Albumtitel “Stark wie Zwei” eigentlich eine Untertreibung, denn im Grunde genommen müsste er “Stark wie alle ” lauten, so stark wie Lindenberg sich hier präsentiert und alle Asse ausspielt, die er seit 40 Jahren im Ärmel hat: Seine unverwechselbare, unvergleichliche Alltagspoesie, die mittlerweile ein eigenes Wörterbuch deutscher Udo-Umgangsprache füllen müsste.

Seine ehrliche, gerade Rockerhaut, die er nie vordergründig zu Markte trägt, sondern glaubwürdig verkörpert. Seine immer noch und immer wieder vorbildliche Integrationsfähigkeit, mit der er auch hier andere Musiker einbindet wie Jan Delay, Silbermond, Til Brönner und seinen Spezi Helge Schneider. Diese Ausbalanciertheit von Dynamik und Entspanntheit, die mal den kritischen Geist, mal die ironische, bisweilen selbstironische Ader freilegt und nicht selten den Kumpel, den Freund, den man immer in ihm in der Nähe weiß. Und nicht zuletzt diese ungeheure Gelassenheit und die Selbstverständlichkeit, mit der er bei sich ist und damit in der Mitte all der Energien und Ströme ist, die er wie kein Zweiter zu kanalisieren weiß in eingängige Melodien und plakative Zeilen.

Nach dem Auftakt mit der Referenz an seinen himmlischen Aufpasser gelingt es Lindenberg tatsächlich weitere 14 Lieder lang, auf höchstem Niveau zu begeistern. Kein einziger Füller oder Abhänger findet sich auf diesem ersten Studiowerk seit acht Jahren, mit dem Lindenberg weniger ein grandioses Comeback feiert als ganz deutlich macht, dass einer wie er nie weg ist und dass mit ihm immer zu rechnen ist.

Wenn Du durchhängst” ist der Udo, den wir alle besonders lieben, wenn er wie hier über alle Hürden, Klippen des Lebens hinweg das Banner der Freundschaft hochhält. Lindenberg weiß eben wie kaum einer um die Unebenheiten des Lebens, die Achterbahnfahrten des Auf und Ab, um die Gefahr des Scheiterns und Fallens und setzt als Gegengewicht stets auf Optimismus, Mut machen, Zusammenhalt und Verlässlichkeit. In dieser schönen Ballade geht es bei Udo mal wieder weiter hinterm Horizont, wenn die grauen Wolken sich verzogen haben und das Schöne ist, dass Lindenberg nie wehleidig wird, sondern einen gerechten reflektierenden Blick findet für alles, für jeden und die Gläser bei ihm darum stets halbvoll statt halbleer sind. Wirkliche Verlierer gibt es bei Udo nicht, solange sie festen Boden unter den Füßen haben, selbst wenn der auch mal weggezogen wird.

Ganz anders” kommt als lässiges Rock-Duett mit Jan Delay daher und thematisiert und ironisiert die Doppelgesichtigkeit unserer Gegenwart, in der man ein fassadenhaftes Alter ego vor sich herträgt, eine Maske, die einen davor schützt, das eigentliche Ich preiszugeben. Da beweist Lindenberg mal wieder, wie nahe er an der Wirklichkeit ist, dass hinter der Sonnenbrille wache Durchblicker-Augen Wahrheiten aus der Welt saugen und auf kluge Weise entlarven, was Sein und Schein ist.

Was hat die Zeit mit uns gemacht” ist eine herrlich altmodische Hymne mit Gitarre und Harmonika und einem dieser wunderbar melancholischen Melodiebögen, die Udo seit Jahr und Tag in unsere Herzen verpflanzt. Dagegen setzt er textlich die Kälte der Gefühle und der Zeitläufte und ihre Auswirkungen auf Beziehungen. Ein Liebeslied, das nachdenklich ist und nachdenklich macht, weil es prototypisch ist für die Wegwerfgesellschaft.

In “Mein Ding” zeichnet Lindenberg ein kurzes Biopic über seinen aufrechten Werdegang und setzt zwischen den Zeilen seinem “Zuhause,” dem Hotel Atlantic ein lange überfälliges Denkmal, das er in “Chubby Checker” vertieft. In diesem schrulligen Schieber schmeißt er sich zusammen mit dem kongenialen Duett-Partner Helge Schneider in hoteldetektivische Arbeit. Ein Heidenspaß dieses Lied, das erneuter Beleg dafür ist, dass Lindenberg auch über einen speziellen Humor verfügt, der immer den Charme von Lausbubenstreichen behält. Der Ausklang mit einem “tierischen Dialog” zwischen Udo und Helge ist Höhepunkt des konzentrierten Jazz-Arrangements, bei dem Schneider sämtliche Instrumente spielt. Große, große Klasse!

Unter die Haut geht “Stark wie zwei,” eine höchst gelungene Trauerarbeit, in der Lindenberg auf der Höhe seiner Talente ist. Unsentimental vermittelt er das intensivste aller Gefühle, das Loslassen von einem Menschen und behält selbst angesichts des Todes die nüchterne Gefasstheit, dass es irgendwie weitergehen muss. Und wie Udo diese Situation der Einsamkeit als emotional weiterführende Gemeinsamkeit interpretiert, ist ebenso würdevoll wie lebensklug. Hier ist ihm das Kunststück gelungen, Abschied als ein Willkommen, als seelische “Verinnerung” mit Aussicht auf Zukunft darzustellen. Da fehlen einem die Worte, so tröstlich fast einen das an. Kloß im Hals, Tränen in den Augen, ein tiefes Durchatmen.

Lindenberg lässt uns nach diesem emotionalen Hammer aber gar nicht erst schwermütig werden. Gleich reißt er einen wieder aus der Melancholie und macht zusammen mit Silbermond einen “Deal“, der schön glatt glamrockt und eine Liebe beschwört, die das richtige Maß findet zwischen Symbiose und Distanziertheit. Auch hier ein Schuss wohltuender Ironie. An dieser Stelle haben wir gerade mal die Hälfte des Albums gehört, das an Höhepunkten so reich ist, dass andere Musiker mit der Trefferquote dieser ersten Halbzeit bereits in der Champions League spielen würden.

Dann der schon erwähnte “Chubby Checker,” der “Ball Pompös”-Gefühle aufleben und an Rudi Ratlos denken lässt. Ball Pompös ist übrigens eins der drei Top-Lindenberg-Alben, die “Stark wie zwei” in sich zentriert und darum so ungeheuer stark macht. “Der Detektiv” und “Casanova” sind die anderen beiden Meisterwerke von Lindenberg, die ihre Stärken auf dieses homogene Album der Neuzeit übertragen.

Man darf sagen, Lindenberg hat sich auf dieser Platte vollendet. Er wirft einfach alles in die Waagschale, was er hat und wuchert förmlich mit diesen Pfunden. So ist selbst das Verbal-Personal so hochrangig wie die Riege der begleitenden Musik-Artisten. Kinski, Ghandi, Klum, um nur einige zu nennen bis hin zum lieben Gott.

Ja im “Interview mit Gott” versetzt Udo den Allmächtigen ins Medienzeitalter und nutzt die Chance, der Neo-Religiosität den Spiegel vorzuhalten und den Herrn nicht als “Superstar” zu inszenieren. Lindenberg stellt klar, dass Gott mit der Erschaffung der Welt seinen Job bestens erledigt hat und dass wir es sind, die diese Schöpfung ruinieren und es darum wenig Sinn stiftend ist, nach oben zu schauen, sondern die Verantwortung für die Erde selbst zu übernehmen. Hier bekommt selbst der Papst als “Scheinheiliger Vater” das verdiente Versager-Fett weg, das Erbe wohlbehalten an die nächsten Generationen weiter zu geben. Sehr direkte, sehr zeitgemäße, sehr kluge Kritik am Opium fürs Volk und an der menschlichen Unfähigkeit, Jammern in konstruktives Handeln zu überführen..

Damit sind wir bei den Drogen angelangt, denn Lindenberg beherzigt die alte Rocker-Dreieinigkeit von Sex und Suff und Rock ´n´Roll aus dem Eff Eff. Mit “Woddy Woddy Wodka” und “Nasses Gold” besingt er zweimal den Alkohol, einmal als Problem, einmal als Lösung. Will heißen, er setzt die Droge Alkohol hier als Inspirationsmittel von Künstlern ein. Politisch natürlich nicht korrekt und angesichts jugendlicher Alcopopsleichen nicht ungefährlich.

Aber wer wollte von Lindenberg allen Ernstes bei diesem Thema Abstinenz erwarten. Da bleibt er eben lieber glaubwürdig und wird nicht zum Moralisten, der sich über die eigenen Alkoholleidenschaften hinweg kaschiert und anbiedert. Auch das nötigt Respekt ab. Man muss seinen Kindern ja “Nasses Gold” nicht vorspielen.

Den Sex arbeitet er übrigens seinem Alter angemessen auf sehr vergnügliche Weise ab mit der bereits angesprochenen Selbstironie. “Der Greis ist heiss” spricht sowohl Altmännerphantasien aus der offenen Hose als auch den grauen Pantern aus der Seele, denn Lindenberg macht klar, dass das gute alte Rein-Raus-Spiel nicht nur für die jungen Hormonausstöße gemacht ist. Man kann sich also auch über 60 noch in heiße Affären stürzen und sich dabei gut aus der Affäre ziehen ohne peinlich zu sein. Ein wichtiges Bekenntnis gerade im Hinblick auf die Alterspyramide und der jungen Generation von Alten. Oder wer würde nicht gerne mal eine Nacht mit Iris Berben, Senta Berger, Christiane Hörbiger oder Götz George, Mario Adorf oder Udo Jürgens verbringen wollen?

Verbotene Stadt” ist einmal mehr Liebeslied pur mit wunderschönen Trompetentupfern von Till Brönner. Hier schließt sich fast ein Kreis für Lindenberg, kommt er mit dem deutschen Jazz-Star Nr. 1 doch wieder an die Anfänge seiner eigenen Karriere als er für den großen Klaus Doldinger die Trommelstöcke schwang. Ja ja, unser Udo stand mal knietief im Jazz, so wie Duett-Partner Helge Schneider, den der Ohrtrommler seit seinen Auftritten in den Düsseldorfer Jazz-Kneipen als virtuosen Musiker schätzt.

Der Astronaut” schließlich, der weiter muss klingt schon fast wie ein Schwanengesang, ein als Liebeslied getarntes Vermächtnis des in Gronau geborenen Hamburgers. Aber ehe wir darüber nachdenken können, ob Udo hier schon ein Stück weit Abschied nimmt von uns, kommt ein knackiger Extra-Track mit dem Titel “Panikvirus” um die Ecke geprescht, der so voller Lebenslust ist, dass alle Sorge um den Alten ruckzuck weggeblasen wird. Hoffentlich bleibt uns dieser Virus noch lange in seiner Person erhalten und hoffentlich steckt er noch viele junge talentierte Musiker damit an.

Nach dem Durchhören dieser Platte bestätigt sich jedenfalls die Erkenntnis, die man eigentlich schon nach “Ball Pompös” hatte. Udo Lindenberg ist für die deutsche Rockmusik, was John Lee Hooker für den afroamerikanischen Blues war – eine Ikone, eine lebende Legende, das Aushängeschild, die Messlatte. Und damit zurück auf Anfang.

Danke Udo für diesen Schutzengel von Album für alle Lebenslagen. “Ich zieh meinen Hut.



Kommentar schreiben