Musik - 27.03.08 -

Alte Meister 1: Energie und Magie namens Van der Graaf Generator

Trisector heißt die neue, im Trio eingespielte CD von Van der Graaf Generator und der Titel wird zum Sinnbild dieser Band, die 2005 ihr überraschendes und überzeugendes Comeback feierte.

Trisector, das neue Album von Van der Graaf Generator

Das Dreisektorentzeichen setzten Van der Graaf früher des öfteren als markantes Symbol an die Stelle des V in ihrem Namen. Heute dient es als Symbol und verbindendes Element des Bandgefüges, das als magisches Dreieck agiert und funktioniert. Leider hat Saxophonist David Jackson die Band wieder verlassen, was angesichts seiner stets hoch geschätzten virtuosen Bläser-Einlagen ein wenig schmerzt, aber insgesamt nicht wirklich ins Gewicht fällt, weil das Triumvirat aus Peter Hammill, Hugh Banton und Guy Evans so inspiriert agiert und homogen funktioniert

Nach dem bereits mehr als beachtlichen Comeback mit “Present” und des in Echtzeit wiedergegebenen Live-Dokuments “Present time” laufen Van der Graaf hier vollends wieder zu der alten Klasse auf, die sie zu Beginn des Progrocks zu einer der spannendsten, wenn auch am wenigsten populären Bands machte. Und die Songs haben wieder diese ungeheure Sogwirkung und das Faszinationspotenzial, mit denen sie in ihren frühen Meisterwerken brillierten, aber teilweise eben auch irritierten und sich den undankbaren Nimbus der schwer zugänglichen und schwer verständlichen Musikintellektuellen zuzogen.

Natürlich ist diese Musik auch anstrengend. Aber nur für den, der nicht loslassen und sich reinfallen lassen kann. Für alle, die sich hingeben an Van der Graaf Generator, ist es schlicht eine magisches Erlebnis, in diese Sounds und Songstrukturen einzutauchen, die mal wie geheimnisvolle wissenschaftliche Formeln, mal wie tiefenpsychologische Bewusstseinserweiterungen wirken. Keine leichte Kost, dafür sind schon Hammillls Texte zu anspruchsvoll.

Hoch philosophisch, pointiert politisch zählen sie sicher zu den intelligentesten und reflektiertesten überhaupt im Rock-Kosmos. Und dazu eben Songstrukturen, die Bilder malen, Skulpturen hauen, mal expressiv und intensiv, mal lyrisch und fragil, immer aber gehaltvoll.

Auf “Trisector” klingen Hammill, Banton und Evans als wäre die gute alte Rock-Zeit einerseits stehen geblieben und hätte andererseits ihre musikalischen Talente in eine ferne Zukunft katapultiert, denn Van der Graaf klingen zeitlos modern und ambitioniert, stellenweise avantgardistisch wie ehedem. VdGG ist neben den niederländischen Nits die einzige Band der Populärkultur, bei deren Musik man zu Recht von Kunst und künstlerischem Anspruch sprechen darf.

Das Musiker-Kollektiv präsentiert sich vom rein instrumentalen Einstieg “The Hurlyburly” bis zum grandiosen Finale “We are not here” durchgängig auf höchstem Niveau und so dicht, frisch, quirlig, unbändig lebendig als wäre es in einen Brunnen ewiger Jugend gefallen. (Kinder liebt, achtet und ehrt Eure Väter, wenn sie zu solchen Dingen imstande sind!!!)

Prog Rock und zwar wahrhaftig progressiver ist das, was diese gestandenen Herren dem Jungvolk hier vormachen an filigranem Songwriting, das von wilder Aggression über hymnische Grandezza bis relaxter Souveränität alle Klaviaturen moderner Rockmusik vereint. Da ist nicht die geringste Spur von Verschleißerscheinung oder Gebrechlichkeit.

Alles spricht von Energie, Dynamik, Dramaturgie. Das ist ebenso kreativ und freigeistig wie kompakt und verbunden. Eine Ansammlung von Qualitäten, die in heutigen Interpretationen von Rockmusik selten geworden sind. Für Songepen wie “Over the hill” würden andere Musiker ihr gesamtes Talent samt Seele lebenslänglich an Mephisto verhökern und Peter Hammill schüttelt solche großartigen Long distance seit 40 Jahren und mit nunmehr fast 60 noch locker aus dem Intellektuellen-Köpfchen und dem Multiinstrumentalisten-Händchen. Zuletzt auch wieder auf seinem xxten Solowerk, dem intimen “Singularity,” auf dem der Dichter und Denker seine Todesgrenzerfahrung nach einer Herzattacke Herzinfarkt verarbeitet. Da zieht man alle Hüte. Wer das altmodisch zu nennen wagt, hat vom Geist und Seele der Rockmusik nichts, aber auch gar nichts verstanden.

Auf “Trisector” bilden Van der Graaf die Quintessenz aus sich selbst und dem Besten der frühen Pink Floyd, Genesis, Colosseum. Die beste Prog-Rock-Gruppe der Welt, die gut mit dem Schicksal wird leben können, doch wieder die unbekannteste und verkannteste aller Zeiten zu bleiben und keine Stadien zu füllen. Van der Graaf Generator sind jedenfalls wieder dort, wo sie bereits zu Beginn ihrer Karriere waren. In einer anderen Galaxie von Song- und Soundverständnis. Eine Band, die man immer wieder hört, weil sie auf Dauer nichts von ihren Reizen verliert, weil sie einen immer wieder neues entdecken lässt.

Und so werden eines fernen Tages Außerirdische diese außerirdische Musik finden und sich gleich zuhause fühlen auf diesem unseren Planeten. Es wird ihnen den fälligen Respekt abnötigen vor der menschlichen Rasse und sie werden zugeben müssen, dass die Erdenwesen doch eine hoch stehende Kultur in diesem Universum waren.

Ohne Vergleich! Außer Konkurrenz! Fabelhaft!



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