Musik - 10.03.08 -

Adele 19 – Ein starkes Mädchen lässt uns alle schwach werden

Adele Adkins heißt die junge Dame, deren Name man sich ebenso merken muss wie die Tatsache, dass sie löblicherweise so gar nicht dem Klischee eines Popstars entspricht.

Eher unscheinbar, was das Äußerliche angeht, gewinnen die inneren Werte dafür umso mehr Raum und der sollte möglichst umfänglich sein, denn was diese junge Frau bei ihrem Debüt zu bieten hat, kann man in jeder Hinsicht mit Fülle und Substanz bezeichnen.

Natürlich ist noch nicht alles gänzlich ausgereift (wie sollte das möglich sein?), da ist an der einen oder anderen stelle sicher noch “Spielraum” nach oben, aber wer wollte das an einer 19jährigen kritisieren, die derart viel Talent beweist und über eine Stimme verfügt, die über kleine Makel ganz großartig hinweg singen kann.

Ihr Erstling jedenfalls berechtigt zu jedwedem Staunen, denn etwas derart Hochkarätiges von einem Newcomer hat es wohl äußerst selten gegeben. Eine der seltenen respektablen Vergleichsgrößen soll zum Ende des Artikels noch etwas Weihwasser abbekommen.

Hören wir uns also rein in dieses Album, dem das United Kingdom bereits komplett zu Füßen liegt samt amusedem Königshaus. Es wird Zeit, dass wir Deutschen, dieses kleine feine Wunder auch schätzen und lieben lernen. “Daydreamer” ist ein verhaltener, aber willkommener Einstieg, nur zur akustischen Gitarre präsentiert. Ein guter Anwärmer, um die gelegentlich durchaus Liebeskummer gestörte heile Welt von Adele kennen zu lernen und diese stimmliche Außergewöhnlichkeit, die man auf Anhieb bewundern lernt.

In “Best for last” verdient sich Adele als junge, zwar gezähmte, aber souveräne A-Capella-Janis-Joplin bereits hochrangige Gesangsmeriten. “Chasing pavements” ist schon ein unbestreitbarer, Charts nachgewiesener Hit erster Güte, über den es nichts mehr zu diskutieren geschweige denn zu zweifeln gibt. Tolle Stimme, toller Song, einer der Gründe für das Shooting als Star in UK. Wer so was mit 19 schreibt, dem wird man mit 29 wahre Lorbeerkränze flechten.

Cold shoulder” mag durchaus okay sein, aber treiben wir die wachsende Bewunderung nicht zu weit. Da hat die schwierige Amy doch noch ein paar schärfere Pfeile im Köcher. “Crazy for you” allerdings ist schon sehr sehr sexy für eine junge Frau, die so gar nichts vom Winehouse-Vamp an sich hat außer der Stimme und dem Augenaufschlag, der nicht von schlechten Eltern ist.

Als nächstes lässt Joss Stone herzlich grüßen, eins unserer anderen liebsten Jungbabies mit Groove-Granatenstimme. “Melt my heart to stone” zeigt Adele als echte Croonerin. Hier singt sich das Küken so was von den Soul aus dem Hals, das man nur Finger schnippen und “Yes” sagen kann.

Zum richtig lieb haben ist “First love,” das der ersten Liebe alle Ehre macht. Mit Lolita-Charme gibt Adele all das, was man sich von verliebten Mädchen wünscht. Verträumt sein und Hingabe und das Quentchen Unschuld, das der Enttäuschung geweiht ist. Ein Lied als Augenklimpern. Tres charmant.

Wow! So macht Regen richtig Spaß (wie zuletzt auch beim großen Joe Jackson). “Right as rain” groovt einem Sonntagslaune zu, die sich ums Wetter keinen Deut schert. Schmissig, optimistisch, richtig heiter und wolkenlos gut- Dieser Song wird ebenfalls ein Hit, wetten?

Und dann der Moment, in dem der Ohrtrommler seinen Hut von den freudig geweiteten Ohren zieht. Diese Chuzpe und das Selbstvertrauen, im Alter von 19 einen Song des Meisters Bob Dylan und sogar einen seinen besseren vom Blues-Album “Time out of mind” (dem ambitioniertesten der letzen Dekade) zu covern und nicht zu scheitern, ist ein Qualitätsbeweis erster Güte. Ganz reduziert als Liebeslied mit Herz arrangiert bringt “Make you feel my love” Dylans Intention auf den Punkt. Zum Lieben. Der Alte applaudiert, falls er “there” ist (den Film gucken Leute!!!).

In “My same” wird das Tempo gleich wieder angezogen. Übrigens eine der Stärken dieser Anfänger-Platte, die hoch professionellen Eindruck hinterlässt. Das Wechseln von Ruhe auf Lebensfreude ist eine gute Gabe dieses Albums. Adele mischt den Spaß, die lebendige Leichtigkeit sehr geschickt mit dem Maß an Nachdenklichkeit und Empfindsamkeit, dem man gerne seelische Balance attestiert.

Tired” ist wieder okay. Erst der zweite Füller, der aber dann doch noch darüber hinweg springt mit dem schönen Riff und der kurzen Phyllisound-Referenz im Song-Intermezzo.

Über den grandiosen Abschluss mit “Hometown glory” gibt es dann keine Diskussionen mehr. Wir werden hier Zeugen einer der beeindruckendsten Premieren der Popgeschichte. Ein Song für den ewigen Ruhm schon jetzt, nicht nur in London town. Eine Hymne, die in den Jahresbestenlisten 2008 garantiert überall verdientermaßen vorderste Plätze belegen wird. Tiefste Verneigung vor dieser großartigen Liebeserklärung und London-Würdigung!

Bleibt zum Schluss nur, Adele die große Aufmerksamkeit, die ihr aktuell widerfährt und den doch überraschend großen Erfolg aufrichtig zu gönnen und zu wünschen, dass sie es der leider zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Tracey Chapman nachtut und viele gute Songs nachreicht (wie Tracey zuletzt beim sehr sehr unterschätzen Album “Let it rain.”).

Adele ist mehr als eine Hoffnung auf eine gute Zukunft. Sie ist ein Versprechen darauf.



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