Musik - 08.03.08 -

Fabelhaftes Frühlingserwachen: Tina Dicos Endorphin-Album

Beide Ohrtrommler-Daumen steil in die Höhe gereckt und ehrfurchtsvoll durchgestreckt. Würde nur zu gerne wissen, was die da oben in Skandinavien für Frühlingsgefühlsfarben ins Nordlicht mischen. Von den vielen Highlights an gefühlvollem, einfühlsamem Klang, die uns in den letzten Jahren aus arktisch angrenzenden Regionen erreichen und erfüllen, ist eine berührender als die nächste.

Vorläufiger Höhepunkt ist das neue Album “Count to ten” von Tina Dico, das jeder gehört haben muss, der eine Vorliebe für ambitioniertes und wirklich Gefühl volles Songwriting hat.

Mindestens ein halbes Dutzend Mal gelingt es Tina Dico, die Dauer-Gänsehaut des begnadet Herz ergreifenden “Room with a view” vom Debüt-Album “In the red” noch zu steigern.

Prioritäten an Song-Empfehlungen zu geben, ist im Grunde unmöglich, so hoch ist die Qualitäts- und Intensitätsdichte auf diesem von Akustikgitarre geprägten Album, um das sich filigranste instrumentale Arrangements mit Streichern und Bläsern ranken.

Gleich im Titelsong “Count to ten” zählt Tina mich wirklich an, zwingt mich zum in die Knie gehen und rechtzeitig wieder Aufstehen. In “Sacre coeur” reißt es mir fast das Herz raus. Was für ein Liebeslied, das bei Sonnenuntergang über dem Ort der Liebe dieselbe in Frage zu stellen wagt. Und das gleich wieder in Zweifel zieht. So schreibt man darüber und nicht anders. Das kann so sonst nur noch Ryan Adams.

Cruel to the sensitive kind” thematisiert, was die besten Therapeuten (wie meine Herzallerliebste) immer wieder erfahren. Dass Depression und Verzweiflung immer die Berührbarsten und Leidensfähigsten erwischt und ihnen bis zur Gnadenlosigkeit zusetzt. So ungerecht ist die Welt, dass sie den Empfindsamsten das Fühlen fast unmöglich macht. Dieses Lied ist ein Trost für alle, die den tapferen und mühsamen Weg zum angstfreien Selbst gehen. Das ist ein Lied für Dich, Lydia. “You know better” ist eine jener Rockballaden, denen es gelingt, wie Mainstream zu wirken, aber doch um das Wesentliche tiefer zu gehen. Die Gabe, echte Gefühle zu transportieren, die nicht an der Oberfläche bleiben, sondern der Liebe nachspüren bis dahin, wo es wirklich weh tut.

On the run” und “Night cab,” “My business” und “Everybody knows” stehen an Intensität kaum nach. Also, lassen wir die Gerechtigkeit walten, die diesem engagierten Werk und seiner seelischen Hingabe gebührt. Tina Dico hat ihre Trefferquote auf komplette 11 erhöht und so befindet sich die Dänin (für Däninnen habe ich ja seit Gitte Haenning eine besondere Schwäche) mit diesem Album auf Augenhöhe mit der wunderbaren, vom Ohrtrommler hoch verehrten Anna Ternheim aus Schweden.

Also, was immer diese skandinavischen Girls da oben einatmen, sollte dringend als rezeptfreies Melancholiemedikament verschrieben werden. Bis zehn zählen und in diesen Emotionen versinken. Das ist im jungen 2008 der musikalische Magiedünger, der zumindest mein melancholisches Märzherz in voller Magnolienblüte erblühen lässt. Ich bin aber sicher, dass die liebe JJ nicht weniger harmonisch hyperventiliert, die hiermit herzlich in den Frühlingsgefühlen begrüßt sein soll.

Kaufen, Downloaden, Verschenken, Weiter empfehlen. Nur nicht überhören bitte!



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