Sündigen, büßen, sündigen: Nick Cave überzeugt als Lazarus März 6
Nick Cave kriegt den Höllenhund-Hintern endlich wieder richtig hoch.
Bei aller Wertschätzung für die balladeske Extraklasse der letzten Alben freut es den Ohrtrommler und mit ihm sicher auch einige andere Cave-Jünger erheblich, dass er zuletzt doch auch seine Wurzeln wieder entdeckt hat, richtig aus sich rausgeht und statt dem ewigen Troubadour jetzt auch gerne mal die wilde Rocksau raushängen lässt.
Wo der Hammer in seiner Musikwerkstatt hängen kann, hat er unlängst ja mit dem Grinderman-Projekt bewiesen, das überraschend knackig und saftig dahergeballert kam mit einigen echt fetten Krachern.
Anscheinend hat der Oberpriester nach dieser selbst inszenierten Fremdgängerei Gefallen daran gefunden, nun doch öfter mal lauthals Sündiges zu predigen und das mit solcher Inbrunst, dass die eine oder andere Kirchenmauer Risse bekommt. Eskortiert von seinen longtime buddies, den Bad Seeds, schafft Cave sich auf dem neuen Album „Dig, Lazarus, dig“ richtig rein in die Materie Rock und den spielerischen Möglichkeiten, die das Genre bietet.
Das ist jetzt alles wieder schmutziger, verschwitzter und damit hitziger wie zu den rauen Birthday Party Zeiten. Nur das Nick das Ungestüme seiner Ursprungsband konzentrierter und kanalisierter absondert, was den Effekt gebündelter Energie hat. Wuchtig ist das, eckig, kantig, großartig souverän.
Schon im Titelsong kommt der Australier mit einem lässig shuffelnden Rocker durch die Tür, dass es im Gebälk knarzt. „Today´s Lesson“ nimmt den Staffelstab auf und läuft im gut dosierten Tempo geradeaus durchs Ziel. „Moonland“ ist einer von diesen leicht Blues verschleppten Songs, die Cave beherrscht wie nur wenige. Irgendwie eigenartig, geheimnisvoll und doch vertraut, für in diesen Zirkel Eingeweihte wenigstens.
Der Mann sollte wirklich mal ein reines Blues Album aufnehmen, das würde wahrscheinlich Knochen brechen. Gutes Stichwort für „Night of the Lotus eaters.“ Hier rumpelt es im Hintergrund fast wie bei Tom Waits, als würde jemand seiner Säge das Singen beibringen wollen, guter Soundtrack für einen Serienkiller-Streifen, kannibalisch. Dann entdeckt der raffinierte Haudegen doch tatsächlich noch den frühen Bowie in sich. So jedenfalls hört sich „Albert goes West“ an, wie ein „Rebel Rebel Jean Genie Width of a circle Mix.“ Grandioser Diebstahl.
Weiter geht´s mit dem dreckigen „We call upon the author,“ das in einem fort vor sich hin lamentiert, quengelt, schrillt. „Hold on to yourself“ balladiert dann zur Abwechslung etwas Ruhe in den rappeligen Reigen mit reingespuckten Riffs über einer gurgelnden Hammond, zart angepeitscht durch akzentuierte Drums. Nach dieser Ruhepause kommt dann mit „Lie down here“ das nächste Brett um die Ecke, das aus echtem Rockholz geschnitzt ist. Es wird auf dem Gitarrenholz gehobelt, dass die Späne fliegen. Wam Bam Thank you mam.
Und Schließlich geht Cave doch noch zu einem halbwegs gemütlichen Teil über, der aber weit weniger kuschelig ist als auf den letzten Bad-Seeds-Werken. Cave hat seinen sentimentalen Hund stark an die Kette gelegt, aber wenn er ihn raus lässt, dann nicht nur zum Bellen, sondern dann beißt das Vieh auch höllisch in die emotionalen Eingeweide wie bei den drei letzten Tracks.
Dass auf das Leiden des Lazarus ein versöhnlicher „Jesus of the moon“ folgt, war fast zu erwarten, wenngleich der Heiland hier als Liebesleidliedbegleiter in einem Hotelzimmer herhalten muss. Und sanfte Flötentöne bei Nick Cave, hat man so was überhaupt schon bei ihm gehört? Auf eins kann man sich bei Cave jedenfalls verlassen: Ob raue Rocker oder flauschig weiche Hymnen – es sind stets eingängige Melodien, die sich durch die Schädeldecke direkt ins Erinnerungszentrum bohren.
„Midnight man“ ist eine verspielte Rocknummer, in der Gitarre und Orgel umeinander herum flirten wie zwei Turteltauben im Hard Rock Cafe, um Mitternacht versteht sich, fast Krautrock-Prog das Stück wie es sich zum Schluss noch in ein ätzendes Gitarrensolo schält. Zum Finale ufert Nick dann fast 8 Minuten lang aus und verkündet „More news from nowhere.“ Auch das klingt ein wenig als wäre der außerirdische Bowie auf einen Abstecher in Nick´s irdischer Welt gelandet, um die Nachrichten von einem fernen Planeten runterzubeten. Cave gospelt sich als the man who fell from earth durch bis zum konsequenten Goodbye. Der Mann weiß sich anständig zu verabschieden. Wir freuen uns schon aufs Wiederhören.
„Dig, Lazaruzs, Dig!!!“ ist im Rolling Stone Platte des Monats, bei den Experten vom Musikexpress ähnlich hoch gevotet wie bei den Durchblickern von Plattentests.de, da befindet sich der Ohrtrommler mit seiner Wertung in bester Gesellschaft. So viele Gehörgänge können nicht irren.

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