Musik - 03.03.08 -

In weiter Ferne so nah – Grüße gen Himmel zu Rory Gallaghers 60.

Rory Gallaghers CornerSein “A million miles away” treibt mir seit 35 Jahren zuverlässig die Tränen in die Augen. Das Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit, des am Scheidweg Stehens, in einer fast erschütternden Schlichtheit wiedergeben löst bei mir ein Höchstmaß an Empathie aus. Diese einfache, tief berührende Blues-Ballade war zu Beginn der Pubertät mein erstes wirklich emanzipatorisches Erlebnis, seit dem ich mir die weibliche Seite in mir gestattete und dem Gefühl der emotionalen Überwältigung einfach freien Lauf ließ.

Gallagher gelingt es mit diesem traurigen emotionalen Klagelied bis heute, den empfindsamen Jungen in mir über den harten Kerl siegen zu lassen. Und darum wird mir das irische Idol stets näher sein als viele andere Bluesgrößen, weil selbst der ehrwürdige John Lee Hooker kaum mehr den Blues hatte als Rory in diesem Song voller verzweifelter Hingabe.

Zwischen 1971 und 1973 spielte sich der damals 26jährige mit den drei heraus ragenden Studioalben “Deuce“, “Blueprint” und “Tattoo” in die Herzen aller Blues & Rockfans. Kein Wochenende in meiner Düsseldorfer Jugend, an dem nicht irgendwo im Weißen Bären, im Auberge oder im Korken stündlich Songs aus diesen Gallagher-Edelwerken gespielt wurden. Das war Pflichtprogramm für Rockkneipen, die etwas auf sich und ihre langhaarigen Gäste hielten. Bei diesen Wahnsinns-Soli des Iren wurde das Headbanging und Luftgitarrespielen erfunden.

Zu steigern vermochte Gallagher diese Popularität noch durch seine häufigen Live-Performances, wo er dank seiner geerdeten, jungenhaft sympathischen Ausstrahlung, der beherzten, spürbar lustvollen Präsenz und vor allem seines virtuosen Gitarrenspiels schnell ein begeistertes und dauerhaft treues Publikum fand. Das Live-Album “Irish Tour 1974” gilt vielen Altrockern heute noch als eines der glaubwürdigsten und intensivsten Live-Dokumente der gesamten Rockära. Allenfalls “Peter Frampton comes alive” und “Made in Japan” von Deep Purple genießen noch einen ähnlich heiligen Kultstatus.

Irish Tour 74 ist ein wahres Lehrstück für alle jungen Leute, die mit dem Gitarrespiel beginnen wollen (Rory Gallagher selbst fing übrigens mit 9 Jahren damit an), um bei Ihnen die Begeisterung für dieses Instrument, seine emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten du die hohe Kunst der Improvisation zu begeistern. Rory Gallagher lässt seine legendäre , abgegriffene Fender Stratocaster (auf dem Cover des Albums “Against the grain” verewigt) flirten, träumen, sinnieren, schreien, weinen, seufzen, klagen, wimmern. Das ist inspirierend, motivierend, faszinierend – kurzum elektrisierend als Vorbild!

Das Fingerpicking im “Walk on hot coals“-Solo ist einfach Atem beraubend, das Bluesrock-Feeling in “Tattoo´d lady” so flüssig wie das hochprozentige irische Kehlen-Gold, der Country-Blues “As the crow flies” steigt wie der besungene schwarze Vogel über fruchtbarem Land auf, “Who´s that coming” bluesrockt schnurgeradeaus mit wiederum erlesenen Kostproben seine nahezu fingerbrecherischen Fertigkeit auf den Saiten.

Rory Gallaghers GrabLive hieß bei Rory Gallagher auch im wahrsten Sine des Wortes “Leben.” Auf der Bühne fühlte sich seine irisch wehmütige Seele zuhause und er teilte sie mit seinen Fans wie ein Flasche Whiskey mit guten Freunden. Zahlreiche andere Live-Perlen, die mitunter erst nach seinem Tod vor 13 Jahren veröffentlicht wurden, belegen das eindrucksvoll.

Unvergessen aber vor allem auch sein öffentlicher Ritterschlag 1977, als Rory der tragende Teil einer TV-Premiere wurde, die wie er selbst längst Legende ist. Die erste WDR Rockpalast Nacht wurde live aus der Essener Grugahalle ausgestrahlt und Gallagher, der 1976 bereits eine Studiosession für die Reihe Rockpalast gespielt hatte, riss das Publikum vom ersten Akkord an mit und trug damit wesentlich zum gelungenen Auftakt des WDR Dauerbrenners bei. So wurde ihm auch die Ehre zuteil, insgesamt drei Mal als Gast bei der Konzertreihe aufzutreten, zuletzt beim Open Air am 29.8. 1982 auf der Loreley. Auch dort wusste er seine Fans zu begeistern als Vollblutmusiker und als Star zum Anfassen ohne Allüren.

Danach wurde es einige Jahre still um Rory Gallagher, der 1987 mit “Defender” wieder an die alten Erfolge anzuknüpfen versuchte, was ihm bei seinen Fans problemlos gelang, beim mittlerweile veränderten Musikgeschmack der späten 80er aber weniger Anklang fand als verdient. Denn auch mit seinen Folgealbum “Fresh evidence” bewies er 1990 tatsächlich noch einmal sein Können in sprichwörtlicher alter Frische. Daraufhin aber musste er leider seiner musikalischen Selbstprophezeiung “Too much alcohol” den traurigen Tribut in der Realität zollen. Am 14. Juni 1995 starb Rory Gallagher an den Folgen einer Lebertransplantation.

Heute wäre das in Ballyshannon geborene, in seiner Heimat hoch verehrte Musikidol 60 Jahre alt geworden. Würdigen wir das Schaffen und bewahren wir das Andenken an den nur 47 Jahre alt gewordenen Ausnahmemusiker mit einem Video, das ihn ganz nah zeigt in seiner Heimat und so schmerzlich fern mit eben jenem grandiosen “A million miles away”

Donal Gallagher übrigens pflegt auf lobenswerte Weise für die Fans in aller Welt bis heute das Andenken seines berühmten Bruders. Nachzuhören auf der schönen, von ihm sorgfältig zusammengestellten Posthum-CD “Wheels within Wheels” mit einigen Raritäten und nachzuentdecken auf der stets aktualisierten Homepage www.rorygallagher.com



Kommentar schreiben