Musik, Videos - 18.02.08 -

Neue deutsche Schnelle – Die messerscharfen Jennifer Rostock

Vorsicht Wir sind Helden, Juli, Silbermond! Hier kommt Eure Wachablösung. Jennifer Rostock ist junger, erfrischend bissiger und geradliniger Elektro-Punk n´ Roll, dem man liebend gerne “Ins offene Messer” läuft.

Video-Clip Jennifer Rostock – Kopf oder Zahl

In diesem Sound und den klaren, offenen Worten wird sich manch wildes, rebellisches Herz wiederfinden. Lieder wie “Feuer“, “Drahtseilakt” “Wer hätte das gedacht” marschieren auf geradem Wege in Hirn und Beine und begegnen einem unvoreingenommen, auf Augenhöhe mit rotzigen, unverkrampften, wohltuend authentischen Texten. Manchmal sogar mit einem kräftigen, gesunden Schuss Ironie wie in “Kind von dir,” das Macho-Egos intelligent in die Weichteile tritt und mädchenhafter Verklärung von Männlichkeit emanzipiertes Erwachsensein entgegensetzt.

So klingt Selbstbewusstsein und Durchblick. Ohne Blatt vor dem Mund, ohne falsche Scham, ohne Hinterhalt. Ehrliche Häute offenbar, Jennifer Weist und Johannes Walter-Müller, die beiden Köpfe dieser jungen Band, die gekonnt die Brücke zwischen deutscher Popkultur der Endsiebziger und eben den aktuellen deutschsprachigen Erfolgsgruppen der Gegenwart schlägt.

Wobei Jennifer Rostock vor allem genau das haben, was man zur Zeit der neuen deutschen Welle an den richtig guten Bands wie Ideal und Interzone (hört Euch die Scheiben mit dem unvergessenen Heiner Pudelko mal wieder an) geschätzt hat. Eine gute Mischung aus Respektlosigkeit und Lust an der Freude, die aber über Peinlichkeiten eines “Ich will Spaß, ich will Spaß” weit erhaben ist. Hier kommt eine eigene Identität zum Tragen, die viel Identifikationspotenzial für ein offenes, junges Publikum birgt. Bestenfalls werden Jennifer Rostock als neues Sprachrohr für die Emotionen von stürmenden und drängenden Jugendlichen entdeckt.

Der Band wünscht man den Erfolg, weil da neben einer lustbetonten Spielfreude auch Tiefgang in Denken und Empfinden festzustellen ist. Bestes Beispiel: “Gedanken, die man besser nicht denkt ” ein Lied, das sich auskennt mit niederen Gefühlen und Instinkten, die man sich schnell mal verbietet oder eher verdrängt. Beschrieben auf atmosphärisch dichte, nachvollziehbare Weise. Brillanter Song, der aus seiner Haut rauskommt und über den eigenen Schatten springt. Sollte dem einen oder anderen Mut machen, seinen Gefühlen zu vertrauen.

Album Cover Jennifer Rostock

Himalaya” ist eine flotte Meditation über das Recht auf Individualität und Freiraum, ein Protestsong, der sich gegen jede Verzahmung wehrt und Selbstbestimmung einfordert. Klug! Und auch der abschließende Fluchtimpuls aus einem engen, goldenen Beziehungs-Käfig “Ich will hier raus” beweist erstens eine aufmerksame Beobachtungsgabe und zweitens den Willen, ein autarkes, nicht angepasstes Leben zu führen. Jennifer Rostock haben Essenz und Sinn des Rock ´n´ Roll, scheint es verinnerlicht. Auflehnung gegen alles Einengende, Vorgefertigte, Übergestülpte. Der Ohrtrommler jedenfalls hat “Blut geleckt”!



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