Pistola von Willy DeVille: Begrabt mein Herz an der Biegung dieses Musikflusses
Erst heute Mittag hat mir “Gelber Fliegender Paket-Shamane” (so werde ich den DHL-Mann ab heute – zu großem Dank verpflichtet – nennen) das neue tonale Totem ehrerbietig überreicht und schon geht es in die ewigen Jagdgründe meiner Lieblingsplatten ein. Ich sage meine Bewunderung gerade heraus: “Willy DeVille ist für jeden Musikliebhaber, was für Winnetou Federschmuck, Tomahawk und Blutsbrüderschaft mit Old Shatterhand waren. Unverzichtbar, unersetzlich.
“So so real” täuscht einem zwar noch heile Cowboywelt vor, kommt als flotter, unaufgeregter Schimmel daher geritten, der Rock zu buchstabieren weiß, das aber nicht als Brandzeichen auf die gesamte Herde gestempelt sehen will. Aber nach und nach lässt dieser geniale Pferdedieb eine Stampede von schwer zu zügelnden Wildfängen ausbrechen, die ohne Sattel geritten werden wollen und dem ursprünglichen land und spirit of the free die Ehre erweisen, die ein Yankee namens George Dubbleju in Grund und Boden militarisiert und kolonialisiert hat. An den Marterpfahl mit dem Unwürdigen!
Und Obama und Hillary gleich mit skalpiert. Es wird Zeit, dass endlich wieder ein Ureinwohner der prärieweiten Empfindung den Respekt vor Natur und Kreatur lehrt, sei es auch nur mit einer musikalischen Unabhängigkeitserklärung namens “Pistola.” Nur keine Sorge. Wirkliche Gewalt ist von diesem friedfertigen Mann nicht zu erwarten. Er erweist seinem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nur mit seinen “Waffen” die Ehre. Und die machen einen wehrlos.
“Been there done that” schwitzt vor sich hin wie ein Tag im wieder aufgebauten New Orleans, der Herzensheimat von Willy. Da transpiriert er den Voodoo-Überpriestervater Dr. John aus jeder Pore, auch die Stimmbänder sind fast auf Rebenack-Volumen angeschwollen.
Apropos Heimat. “When I get home” lechzt danach, zur Liebsten nachhause zu kommen und mit offenen Armen empfangen zu werden. Was der Holden nicht schwer fallen dürfte, so aufrichtig und demütig wie diese Akustik-Ballade daherkommt. In seinen besten Momenten wie hier ist der alte Kauz doch schlicht ein unwiderstehlicher Casanova.
In Song vier wird der Unersättliche dann doch gleich einer neuen Dame vorstellig und spielt bei “Louise” den Herzensbrecher. Da hat Willy Pomade im Haar, Schmalz in den Hüften und so was von blauen Augen. Elvis meets Sinatra. Coole Sau und Hasardeur in einem. Da werden Lippen geschürzt und Dekolletés zurechtgerückt. Willkommen zum One night stand zwischen Kakteen und Cocktail.
In “The band played on” huldigt der Mann der Tradition des Mardi Gras und setzt dem überfluteten New Orleans ein kleines wehmütiges Song-Denkmal. Es regnet Tränen in jene Stile prägende Stadt, die bis in die kleinste Faser Musikalität ist, die an jeder Straßenecke den gemeinen Casting-Mob in Grund und Boden zu spielen weiß mit einem Finger- oder Lippenzucken. Die Bläser heulen in einer Mischung aus Trauer über die Verluste und Freude über den treuen Freund, der diesem Ort seine Referenz als melting pot erweist. Hier sind der letzte ehrliche Weiße und der erste ehrliche Farbige ein und derselbe Patriot.
“You got the world in your hands” macht sich als shuffelnder Blues mit Dreck unter den Fingernägeln breit. Das gräbt und schält sich tief unter die Haut. Davon bleiben fingernageltiefe Kratzer auf dem Herzen. Das ist gesungener ungeschützter Beischlaf, der hart anfasst, aber ganz zart zum Höhepunkt kommt.
Den kompletten Charmebolzen kramt Willy dann bei “I remember the first time” aus dem Nadelstreifenanzug über dem Tattoo-Park, in den sich sein Körper über die Jahre verwandelt hat. Gefährlich nah an der großen und ewigen Liebe, dieses erste Mal. Das könnte mit fliegendem Brautstrauß und einem Ehering am Finger enden.
Ist Barry White auferstanden, geht da ein Serienkiller spazieren oder was ist das jetzt? Mit einem Unwetter beginnt dieser Reibeisen-Willy, der einen mit seinem Sprechgesang in den Bann zieht und das Klacken von Absätzen auf Asphalt mit in wollüstigen Streichern gebetteten Steelguitarklängen zum weiblichen Objekt der Begierde treibt. Aber irgendwo über diesem voyeuristischen Szenario muss doch der funkelnde Horizont zu entdecken sein. Denn “Stars that speak” ist wahrlich ein Geschenk des Himmels, so ein Reservat der einsamen Squaw-Herzen habe ich den Langhaar-Apachen meiner Empathie ja noch nie betreten hören.
Jetzt macht er auch noch auf jenseitigen “Kashmir” in diesem von parlierendem Piano und jaulenden Gitarren getragenen, zeppelinesken Blues. “I´m gonna do something the devil never did” ist das dämonisch heulende Werben eines neuen Höllenpächters. Atem anhalten, das Jenseits war selten so nah und verführerisch. Lass uns den finalen Akt als Pakt schließen, Mephisto.
Zum Schluss hat er mich völlig in der Hand, dieser Stammesälteste der mir lieb gewordenen musikalischen Magier. Macht er mir altem Herzensindianer doch tatsächlich den Manitu. Spricht mit mir wie der selige Häuptling Chief Seattle und bläst mit der mystischen Flötenpfeife seine Rauchzeichen über die “Mountains of Manhattan.”
Wow! Hugh! Schmutzig, sündig, schön, heilig. Meisterwerk!

Hommage an die große Lyrikerin
Beth Ditto macht uns die Madonna
Nachricht aus dem Norden

















