Musik - 16.02.08 -

Hans-Eckhard Wenzel hören!

Asche auf mein Haupt. Bis kurz vor Ende des letzten Jahres war mir der Name Hans-Eckhard Wenzel unbekannt. Erst das Geburtstagskonzert von Konstantin Wecker, das ich in der Silvesterwoche spät abends im Fernsehen verfolgte, brachte mir den Mann mit seinem leidenschaftlichen Auftritt schlagartig ins Bewusstsein, wo er seitdem fest verankert ist als einer der herausragenden Liedermacher der Gegenwart.

Ein Lied nur trug er vor an diesem Abend, allein von seinem Akkordeon begleitet, aber das hatte es so in sich, das ich gleich zu Beginn des neuen Jahres meine Versäumnisse ihm gegenüber aufgearbeitet habe. Ergebnis meiner Recherchen: Dieser Mann und seine Kunst verdienen definitiv mehr Aufmerksamkeit und Begehrlichkeit seiner Alben. Schließlich sollte ein Künstler von seiner Arbeit auch gut leben dürfen. Wenzel würde ich gerne hoch, also sehr gut leben lassen.

Diese bei Wecker dargebotenen “Tausend Tode,” wochenlang Platz 1 auf der Liederbestenliste, dem wichtigsten Indikator für anspruchsvolle Musik in deutscher Sprache, sind ein Pfund, das musikalisch wie textlich mit allem wuchert, was Nachdenklichkeit in Nachdrücklichkeit verwandelt. Ein sehr persönliches Lied, das gesellschaftliche Daseinberechtigung und Geltung hat. Lange nicht mehr ist mir (mit Ausnahme von Weckers neuem menschenfreundlichem “Was keiner wagt”) etwas so beeindruckendes, Nachdenken evozierendes, betroffen machendes unter die Ohren gekommen. Unbedingt anhören!

Das aktuelle Album “Glaubt nie, was ich singe” ist randvoll mit solchen Hochkarätern von in schöne Klänge überführter Dichtkunst, mal feinsinnig filigran, mal deutlich druckvoll, immer in humanistischer Balance und voller intuitiver Momente, die sich trauen, den eigenen Gefühlen zu vertrauen. Ein selten gewordenes Zeichen von Stärke, sich verletzbar zu zeigen, zu machen ohne Angst und Argwohn, dass das ausgenutzt werden könnte. Selbstvertrauen und Charakter belegt diese Sammlung von Liedern eines Liebenden, der wenig Zweifel an der Kraft dieses urmenschlichen Impulses zu kennen scheint.

Wenzel liefert damit eines der besten Alben der Kategorie Liedgut im neuen Millennium. Von nachvollziehbaren, nie kitschigen, sondern erlebten und gefühlten Liebesliedern bis zum politisch ambitionierten, aktuelle Gegenwartskonflikte thematisierenden “Globalisierungstango,” der mit treffsicherer Ironie den Finger in die Wunde des Killer-Kapitalismus legt. Man wünscht sich förmlich, zu diesem Lied auf den imaginären Gräbern der Börsenspekulanten und Bankenvorständen zu tanzen, um ihnen endgültig das eigennützige, gemeinschaftsdestruktive Dogma des Shareholder value und der selbst zugestandenen Phantasiegehälter auszutreiben, um mit wehenden Fahnen zu einer sozialen, solidarischen Geldverteilungs-Gerechtigkeit zur ausgegrenzten Mehrheit der weniger Privilegierten überzulaufen.

Musikalisch entlang der klassischen Instrumentariums Gitarre und Klavier komponiert und mit zahlreichen empathischen Momenten von Akkordeon und Bläsern emotionalisiert, findet Wenzel zu seinen sehr eigenständigen Poesien adäquate Harmonien und Melodien, die mal schunkeln, mal in den Arm nehmen, mal kuscheln. Liebevoll. Liebenswert.

Besondere Freude bereitet hat mir die Grundstimmung des aktuellen Wenzel-Albums, die mich an den alten kommunistischen Granden Franz Josef Degenhardt und seine nach wie vor Herz erwärmende wie Hirn erweckende Einladung “Kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen” erinnert. Und der große Wolf Biermann scheint hier in manchen Momenten auch als heimlicher Gast anwesend zu sein.

Wenzel ist aber auch für jene Musikliebhaber gehobener deutscher Textjonglage ein guter Tipp, die sich bei der eckig-kantigen, gelegentlich kryptischen, aber immer eigenständig bildhaften Lyrik von Sven Regener besser aufgehoben fühlen. Element of Crime (Die auch längst zu Ohrtrommler´s Lieblingen zählen) sind übrigens auch in manchen Arrangements nicht weit. Insofern gelingt es dem deutschen “Kevin Coyne,” denn an diese ebenfalls angenehm pädagogisch-musikalische Ausnahme-Erscheinung erinnert Wenzel mich sehr, viele Vorlieben bei sich zu versammeln.

Summa summarum: Wenzel ist ein Poet, ein Bänkelsänger, ein Moritatensammler, ein Herzenserwärmer und Gedankenbeweger erster Güte, der sich anschickt, in der langen Tradition dieser Gattung mit seinem bereits quantitativ wie qualitativ reichen Werk nachhaltige Wirkung zu hinterlassen und dauerhafte Bedeutung zu erlangen.

Zu guter Letzt sei noch allen Eltern, die ihre Kinder und sich selbst beglücken wollen, das Werk “Wenzel singt Maschas Kinderlieder” sehr ans Herz gelegt. Denn hier findet ihr den kompletten Kanon an Kinderliedern, nach dem der Nachwuchs seit Generationen lechzt und den ihr noch euren Urenkeln vorsingen werdet. Natürlich mit dem väterlich inspirierten Wenzel als vorbildlichem Leadsänger.

Enttäuscht mich nicht. Hört, kauft, empfehlt Wenzel.



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