Kult, Musik - 15.02.08 -

Weckers wertvolles Wirken – Laudatio eines Langzeitliebhabers

Im vergangenen Jahr 60 geworden (was er im Kreise von Familie, Freunden und Weggefährten auf mitreißende Weise beim Münchner Heimspiel zelebriert hat), seit 40 Jahren auf den Brettern der deutschsprachigen Musikwelt unterwegs, beschenkt uns Konstantin Wecker, dieser multikulturelle, urbändig kräftige und dabei so feinfühlig sanfte Liederpoet, zu Beginn des Jahres 2008 mit “Zugaben,” dem Live-Mitschnitt eines Best-of-Programms (wobei das nur eine kleine Auswahl des vielen Besten ist, denn zumindest den Sommer, der nicht mehr weit ist, wird wohl jeder vermissen), mit dem er zuletzt sein Publikum begeisterte.

Neben zwei neuen “besonderen” Liedern (dazu später mehr) zum Einstieg und Ausstieg des Konzertes beweist Wecker hier, wie lebendig und zeitlos, wie brennend aktuell seine Liedermacherkunst ist. “Frieden im Land” beispielsweise, das er vor 30 Jahren schrieb, ist eine deprimierend nahe Bestandsaufnahme der Gegenwart, der Befindlichkeiten und Bedenklichkeiten in der Entwicklung unserer so genannten Demokratie. Dieses Lied zeigt auf beschämend entlarvende Art, wie wenig die deutsche Gesellschaft dazu gelernt hat in all den Jahren. Denn die Zustandsbeschreibung trifft auf das heutige Deutschland genauso zu wie auf das zu Zeiten des deutschen Herbstes. Veränderungswille jedenfalls scheint nicht die hervorstechende Eigenschaft unseres Volkes zu sein.

Dieser trügerische Frieden im Land, der die gärenden Ängste und das Brodeln im Untergrund nur deckelt, ist eine treffende Anamnese politischer Unkultur, die endlich dringendst in eine wirkungsvolle Therapie überführt werden muss. Notfalls in einen möglichst nicht gewalttätigen Befreiungsschlag, der den Wert des Menschen wieder eindeutig und unanfechtbar vor den Wert des Geldes setzt.
Der alte Kaiser” von Wecker ist eine präzise Studie dessen, wie es Herrschern ergeht, wenn sie zögern und zaudern, Pflichten und Notwendigkeiten zur Zufriedenheit und Wertschätzung des Volkes vernachlässigen: Der unvermeidliche Sturz, den man vielen unserer Volksvertreter bereits unmittelbar nach jedem peinlichen Nazi-Vergleich, rassistischer Hetzerei oder schlicht Lug und Trug bei Entscheidungen bzw. bei Nichtentscheidungen wünscht.

Und ein Lied wie das politisch wie menschlich vorbildlich und wegweisend korrekte “Sage Nein” sollte ohnehin längst Pflichtlektüre in jedem Deutsch- und Sozialunterricht an unseren Schulen sein, ob Gesamtschule oder Gymnasium. Ob wie hier in der unmissverständlichen Kriegsverweigerer-Fassung oder in der Ursprungsversion, die Faschismus, Antisemitismus und Rassismus jeder Art anprangert. Eine solch aufrüttelnde Anti-Diskriminierungs- und Zivilcourage-Parole des aktiven Widerstands hätte zur Unrechtszeit Morde wie die an Sophie Scholl, Anne Frank und Cato Bontjes van Beek durch einfaches mehrheitliches Aufstehen und Zusammenstehen gegen Dummheit, Feigheit und Hinterhältigkeit zu vermeiden verstanden.

Gutes Gefühl” ist eine Loyalitäts- und Solidaritätserklärung Weckers mit den Fans und Freunden, die treu an seiner Seite stehen. Der alte Fuchs zitiert hier auf intelligente Weise Titel aus seinem Werke-Kanon und schafft so gekonnt den Spagat zwischen Gestern und Heute.

Und zum Schluss des Konzertes bestätigt Wecker mit dem zweiten neuen Lied “Was keiner wagt” wieder einmal auf seine unnachahmliche, Orientierung und Vorbild gebende Weise, welch großer Lyriker und Menschenfreund er ist:

Was keiner wagt,
das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt,
das sagt heraus.

Was keiner denkt,
das wagt zu denken.
Was keiner anfängt,
das führt aus.

Wenn keiner “Ja” sagt,
sollt ihr†™s sagen.
Wenn keiner “Nein” sagt,
sagt doch “Nein.”

Wenn alle zweifeln,
wagt zu glauben.
Wenn alle mittun,
steht allein.

Wo alle loben,
habt Bedenken.
Wo alle spotten,
spottet nicht.

Wo alle geizen,
wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist,
macht Licht.

Wer hier noch “wagen” sollte, Wecker als unverbesserlichen Idealisten zu bezeichnen oder der Naivität zu bezichtigen, persifliert sich bereits selbst als Misanthrop. Wahrhaftig ist dieser Text, zutiefst menschlich und “ja” christlich.

Was die Musikalität und klangliche Qualität des Auftritts anbelangt, ist Wecker ohnehin seit Jahr und Tag über jeden Zweifel erhaben. Hat er doch nicht nur die Operngene des Vaters geerbt, sondern auch von Kinderchor bis Musikhochschule
die klassischen Karriere-Tonleitern erklommen. Und dann hat Wecker bei den Zugaben auch wieder stärker kultiviert, was bei den Konzerten zu Beginn seiner Karriere gang und gäbe war. Das Momentum der Textlesung, die zusätzlichen Raum zum Innehalten und Nachdenken in den Bühnenauftritt integriert.

Hier sind es besonders die Textpassagen aus der im letzten Jahr erschienenen Autobiographie “Die Kunst des Scheiterns,” in der dem Münchner nicht weniger gelingt als ein vorbildlicher Gegenentwurf zum in den letzten Jahren unerträglich gewordenen Eitelkeitsstriptease und zur Profilparanoia von Prominenten und Pseudoprominenten, die weit davon sind, charakterstarke Persönlichkeiten zu sein.

Das besondere an diesem sehr lesenswerten Buch ist, dass Wecker ohne jegliches Selbst-Mitleid und Krisengejammer das reife und kluge Verständnis des Scheiterns und von Krisen als Chance für alte wie für junge Leute nachvollziehbar und be-greifbar macht und damit die durchaus ansehnliche positive Bilanz seines Schaffens im Einzelnen und seiner Lebensleistung im Ganzen ins ausbalancierte Verhältnis und somit erst recht in ein insgesamt stimmiges helles Licht rückt.

Wie liebe- und würdevoll Wecker uns in diesem Buch sowohl seine Eltern und das Altern als auch das Wundern und Bewundern der Kinder, ihrer Heiligkeit und Unantastbarkeit näher bringt, das ist nicht nur höchst berührend, das hat echte Vorbildfunktion und sollte in diesem Land als Stil bildendes Lehrbeispiel für respektvolles, humanistisch geprägtes und fundiertes Gedankengut und Charakterstärke dienen.

Nicht von ungefähr ist dieser Konstantin Wecker 2007 zum Erich-Fromm-Preisträger auserkoren worden (Ja, seine Vita ist die fortlaufende Chronik der Kunst des Liebens). Er, der laut eigener Aussage noch keine Normen fand, seine Lieder und sein Leben zu formen, ist eben einer, der gerade in seiner Widersprüchlichkeit und Unberechenbarkeit, vor allem in seiner
Verführbarkeit als Ausdruck von Lebenssüchtigkeit ungeheuer geradlinig und glaubwürdig daher kommt. Daher auch oft vorsätzlich unverstanden von denen, die dem eigentlich schönen Begriff Bürgerlichkeit schäbige und perfide Doppelzüngigkeit, dekadente Prüderie und moralinsaure, unverschämte Schamdemonstration einverleibt haben, die Wesen und Wert des freien Bürgers pervertieren.

All diese Fassaden und Maskeraden deckt Wecker seit 40 Jahren auf. Er enttarnt, konfrontiert, provoziert zum Zuhören, Einfühlen, Nachdenken, Überdenken, Umdenken. Konventionen und Opportunismus, Verlogenheit und Verrat, Korruption und Profitgier bietet er unermüdlich die Stirn, selbst im freien Fall seiner damaligen, von Neidern und Gegnern hämisch und missgünstig kommentierten Drogenprobleme, mit denen er genauso offen und schonungslos umgeht wie mit allem anderen, das er anprangert. Nein, dieser Wecker schont auch sich selbst nicht, geht selbstkritisch und ironisch mit seinen Fehlern um im Bewusstsein, dass sie im Leben eines Menschen unvermeidlich sind. Was er aber nicht als Entschuldigung oder Rechtfertigung hernimmt, sondern als Ermunterung, lebenslang zu lernen und zu wachsen. Sein Credo “Genug ist nicht genug” erfährt hier einen erheblichen Doppelsinn.

Freigeistig, unabhängig, unbestechlich und authentisch ist der Charakter dieses rational wie emotional intelligenten Menschen. Wecker, der Philosophie und Psychologie studierte, verkörpert für mich den philosophischen Schlachtruf von Peter Sloterdijk: “Intelligenz beginnt, wo das Reagieren endet.”

So ist Konstantin Wecker eine brennende Fackel, die den Armen, Schwachen, Misshandelten und ungerecht Behandelten leuchtet, für sie lodert und brennt und gegen alle, die auf der Täterseite stehen brandstiftet. Nicht zuletzt gegen die Kriegstreiber und gegen die skrupellosen Kapitalisten, die für ihren eigenen Wohlstand ohne Wimpernzucken über die Leichen aller anderen steigen.

“Die Kunst des Scheiterns” ist die längst überfällige Abrechnung mit der Menschen und Würde vernichtenden Gier- und Geiz-Mentalität. Die aufrechte Haltung gegenüber allen Rückgratlosigkeiten der Spekulanten und Spieler, die aus purer Lust am Nervenkitzel das Geld und Brot für die Welt verzocken und damit unendlich viele Existenzen. Wecker rückt wieder an den rechten Platz und in die richtige Gewichtung, was in Schieflage und Unwucht geraten ist in den Ellbogengesellschaften der Kapitalismus-Maxime. Er legt den Finger in die Wunde des Heuschrecken-Kapitalismus, der nur noch den globalisierten Geld- und Zeitfaktor zur schändlichen Ausbeutung der Ärmsten und zum unverständlichen Artenschutz der Reichsten und Privilegiertesten kennt. Er setzt den gesunden Menschenverstand dagegen, der weiß, dass Scheitern und Versagen nichts über das menschliche Vermögen aussagt und dass monetäres Vermögen nicht über die menschliche Defizite hinwegtäuschen kann. Und er hält jedem von uns den Spiegel vor, ob er sich einreihen will in diese ignorante degenerierte Lemmingherde des Untergangs, die sich lieber selbst degradiert als aufzubegehren und sich zu wehren.

Es bleibt inständig zu wünschen, dass der ewig junge Revoluzzer mit dem rebellischen Herzen uns noch viele Zugaben an Nächstenliebe, Toleranzdenken, kritischer Vernunft und empathischen Gefühls, des engagierten Widerspruchs und Widerstands, der allen bedrohlichen, Menschen verachtenden Anfängen wehrt, der sich gegen jede Form diktatorischer oder despotischer Tendenzen auflehnt und die Kräfte der Federn und Notenblätter den Schwertern dieser Welt entgegensetzt und die weißen Fahne der poetischen Demokratie und des ethischen Humanismus flaggt.

Darum zum Schluss noch eine Anregung an die Jury des Heinrich-Heine-Preises, der in diesem Jahr wieder von der Stadt Düsseldorf verliehen wird an einen Menschen, der im Geiste des großen Dichters wirkt. Wecker, der sich wie Heine die liebevoll kritische Betrachtung des Vaterlandes zu eigen und es sich dabei selbst nicht immer leicht macht, wäre meine erste, weil absolut glaub-würdige Wahl, wenn ich die Entscheidung für diese Auszeichnung zu treffen hätte. Und wenn das ehrenwerte Gremium mir allein nicht glauben will, dann empfehle ich doch mal auf der Audio CD “Deutschland. Ein Wintermärchen” nachzuhören, mit welcher Nachhaltigkeit, inneren Beteiligung und Überzeugung Wecker den großen Heine-Text lebendig und für unsere Zeit gültig werden lässt.

Ich komme dann auch gerne und halte diese Laudatio, wenn keiner der Stadt-Honoratioren sich traut.



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