Schöner Leiden – Nick Cave macht uns endlich den Lazarus
Mit dem unerwarteten, auch optisch monsterhaft aufgemachten Side-Project Grinderman hat NICK CAVE uns zuletzt den überraschend knochentrockenen grimmig unromantischen bis unflätigen (No pussy blues) Burschen gemacht und an alte exzessiv ruppige Birthday-Party-Tage angeknüpft.
Das war ein echter Schreck in der nächtlich dunklen Geisterstunde für alle Schwermüter, die sich über die Jahre dem exquisit ausgebreiteten Cave´schen Herzschmerz anvertraut haben und dafür vom Kellermeister in regelmäßigen Abständen die passenden Soundtracks für ihren Weltenkummer und das Durchkriechen der Lebensjammertäler geliefert bekamen.
Anfang März serviert uns Nick Cave nun wieder mit den Bad Seeds im Rücken neues Material aus seinem seelischen Schattenreich. Bei seinem ausgeprägten Hang zum Schönleiden ist wohl zu erwarten, dass er eines Tages über Wasser gehen kann, doch bis dahin wird er sich und uns wohl noch einige Geißelungen und Kreuzigungen auferlegen.
Das lässt jedenfalls der Albumtitel des neuen Werkes vermuten. Mit “Dig, Lazarus, dig” tritt er zumindest überschriftsmäßig endgültig in die messianischen Fußstapfen. Der recht flotte Titelsong lässt zwar noch Hoffnung auf Rettung aufkeimen, aber es steht zu erwarten, dass Nick wieder das eine oder andere hymnische Stoßgebet zum Himmel schickt, um seinen irdischen Höllenqualen zu entkommen. Solange er seinen musikalischen Rosenkranz weiter aus feinsten Balladenperlen kettet, werden wir uns gerne weiter vor ihm bekreuzigen.
Die Wartezeit verkürzen könnt ihr Euch mit dem besagten Grinderman-Album, das neben den für unerschrockene Ohren hammerharten humorlosen Tracks natürlich auch kompositorische Feinkost enthält. So das herrlich orgel-nörgelnde “Electric Alice”, das obercoole, groovige “Go tell the women”, das bluesrockig-rollende “(I don´t need you to) set me free” und das kleine zauberhafte Träumerlein-Lullaby “Man in the moon.” Ja, selbst in den schwärzesten und stärksten Rockkaffee wirft der Oberprediger doch gnädig noch ein paar Zuckerstücke.
Ansonsten ist man bestens versorgt mit dem B-Sides & Rarities-Box-Set mit 56, teils unveröffentlichen und zuweilen sehr rar gesäten Songs wie u.a. dem grandiosen Cover-Duett mit dem Pogue Shane MacGowan, das den Louis Armstrong-Klassiker “What a wonderful world” herzerwärmend in die Neuzeit holt und mit einer Unplugged-Version vom “Mercy seat,” einem der älteren von vielen unzerstörbar guten Cave-Songs.
Als Lazarus wird der musikalische Menschenfischer gewiss wieder den einen oder anderen bußfreudigen Sünder für seine Gemeinde der Elegien-Gläubigen einsammeln. Hosianna!


Feines Folkalbum
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