Clowns im Regen – Der singende Tresen lacht und weint Musik
Sperrstundenmusik (so auch der Titel ihres Studio-Debütalbums von 2005) nennt die Berliner Band Der singende Tresen ihre Musik. Ein singender Tresen, das ist ein wirklich schöne und absolut zutreffende Metapher für das, was diese außergewöhnliche Combo an berührendem Klang und textlichen Tiefgang bietet.
Die Verse der Sängerin Manja Präkels, die von präziser Alltagsbeobachtung bis zur melancholischen Selbstbetrachtung reichen, verknüpfen sich auf homogene Weise mit auf Anhieb vertraut wirkenden Melodiebögen, die aus gehaltvollen Quellen schöpfen wie etwa der Tradition des Brecht/Weill´schen Liedtheaters, Chanson, Folk und Klezmer. Auch Einflüsse aus Blues und osteuropäischen Kulturen finden hier ein Zuhause.
Apropos Zuhause. Man assoziiert mit dem Bandnamen auch gleich folgerichtig, wo diese Klänge herstammen bzw. hergehören. In eine Kneipenszene, in der noch Gauloises ohne Filter geraucht werden dürfen und Alcopops kein Publikum finden. Kneipen, die kulturelle Treff- und Schmelzpunkte sind für progressive Weltentwürfe und künstlerische Utopien, wo Ideen noch auf Bierdeckeln entstehen, gesellschaftliche Debatten geführt werden, die weitsichtiger sind als jede Politik heutzutage und nicht wenige Gespräche lyrische Wendungen nehmen, die um so vieles gehaltvoller sind als Effekt heischende Poetry slams.
Poetisch, melodisch, dabei eckig, kantig, manchmal gar sperrig – echte Großstadtmusik für Streunende, Schlaf- und Ruhelose, Getriebene, die in Berlin Prenzelberg oder Mitte oder sonstwo durchs Dickicht der Städte schleichen auf der Suche nach Wahrheiten, Wegen, Sinn. Umherirrende anonyme Melancholiker, die von Gleichgesinnten sofort erkannt und an Kneipentische gebeten werden, um mit ihnen Bier und Tabak zu teilen, die Nacht durchzusinnieren, über Gott und Welt zu philosophieren , die im Notfall auch als Fremde einen Deckel machen können, weil der Wirt solcher Gast-Stätte diesen Begriff noch mit Leben füllt und ein Herz statt einen Taschenrechner in der Brust hat. Orte, an denen man sicher auch Tom Waits antreffen könnte, wenn er auf Berlinbesuch wäre. Denn diese Klänge und Nachtschattengewächse würden ihm gleich vertraut vorkommen als Lockruf der Heimat.
Mit “Clowns im Regen” haben die Berliner übrigens einen Titel für ihr 2. Album gewählt, der auch aus dem Kosmos des genialischen US-Kauzes stammen könnte. Seelenverwandtschaft, die sich in den Stimmungen der Lieder ausdrückt und in den Szenarios und Gestalten der Texte. Zeilen wie “Wer weint wird schneller einsam als wer lacht…” “Bin gerad an guten Tagen traurig ob der Endlichkeit…” oder “Bunte Einkaufstüten prallgefüllt mit Nichts…” eröffnen eine poetische Schatzkiste, in der das aufrichtig Sentimentale wie das bestürzend Reale einträchtig versammelt sind.
Textkunst ist das, echtes Geschichtenerzählen ist das, so wie der ehrenwerte Liedermacherkollege Klaus Hoffmann seinerzeit angefangen hat, sich sein Berlin zu erschreiben und zu ersingen. Da wundert es nicht, dass Der singende Tresen bereits mehrfach für sein Lied-Gut ausgezeichnet wurde, zuletzt 2007 mit dem Förderpreis für junge Songpoeten der Hans Seidel Stiftung. Gelegentlich grüßen auch die inzwischen bereits bekannteren 17 Hippies (auch eine Berliner Band, die den Geist verschiedener Kulturen beschwört und auf faszinierende Weise in einem Großorchester zusammenführt) in die Lieder hinein, wenn Klarinette und Akkordeon sich zum Klezmer verabreden und zum traurig-lebensfrohen Tanz aufspielen.
“Clowns im Regen” ist eine Herbst- und Winterplatte, die man auch im Frühling und Sommer gerne mal als Mittel gegen allzu großen Übermut auflegt. Ein wirkliches Geschenk für alle, die mit dem Begriff Kulturgenuss noch eine Herzensangelegenheit verbinden, die Geist und Seele bereichert. Wer also gerne mit Gefühl und Verstand Musik hört, wird sich erfreut am singenden Tresen festhalten und mit den 13 Liedern (plus “Hidden track”) eine schöne Mußestunde verbringen, die vermutlich dazu führt, mal wieder inspiriert den eigenen Gedanken und Befindlichkeiten nachzuspüren.
Dem Ohrtrommler bleibt zusammenfassend nur die zutiefst empfundene Ehrerweisung: Chapeau!

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