Würdiger Soundtrack für das Phantom Bob Dylan: I´m not there!
Erst am 28. Februar 2008 hat der Film I’m not there in Deutschland Premiere, aber man darf davon ausgehen, dass er dann bereits Oscar prämiert ist, denn die Verleihung durch die Academy of Motion Picture Arts and Science findet 4 Tage vorher am 24. Februar im Kodak Theater in Los Angeles statt.
International Trailer I’m not there!
Der Biopic-Spielfilm über einige wichtige Stationen im Leben der Musiklegende Bob Dylan feierte schon bei der Premiere auf den 64. Filmfestspielen von Venedig Erfolge. So wurde Cate Blanchett, die als einzige Schauspielerin neben fünf männlichen Darstellern (u.a. Richard Gere) in die Haut von “Holy Bob” schlüpfte, 2007 mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet und gilt auch bei den Academy Awards und beim traditionell vorher vergebenen Golden Globe als heiße Anwärterin. (mehr zum Film im Februar auf Zoolamar)
Gleich mehrfach Chancen auf das Goldkerlchen für die beste Filmmusik dürfte das Werk von Regisseur Todd Haynes allemal haben, denn der Soundtrack bietet als Doppel-CD mit 33 erstklassigen Dylan-Interpretationen einer illustren Musikerschar sowie einmal Bob himself mit dem Titelsong die Qual der Jurywahl.
Cate Blanchett als Bob Dylan in I’m not there!
“I´m not there” huldigt dem “Phantom” Bob Dylan mit einer Reihe exzellenter Coverversionen, die hier in Summe beweisen, was man von einigen gelungen Interpretationen aus der Vergangenheit bereits wusste. Dieser Songwriter ist nicht nur ein Literat von hohen Gnaden (nicht von ungefähr steht er seit geraumer Zeit auf dem Spickzettel des Nobelpreiskomitees,) der zum Sprachrohr einer ganzen Generation geworden ist, er ist auch als Komponist ein ganz Großer, was gelegentlich vielleicht unterschätzt worden ist.
Die Bandbreite an originellen bis werkgetreuen Covern macht aus dem I´m not there Soundtrack nicht nur ein Album für eingefleischte Dylan-Fans, sondern vor allem auch für alle, die sich dem nicht leicht zu erschließenden Phänomen Bob Dylan, seinen Ecken, Kanten und Brüchen, seiner ungeheuren Strahlkraft und unvergleichlichen Vorbildwirkung vorsichtig annähern wollen.
Jedem der Songs merkt man an, dass dieser Mann mehr ist als nur ein amerikanischer Liedermacher, er ist der unangefochtene spiritus rector und primus inter pares einer unaufhörlichen Bewegung, die statt Waffen Instrumente in die Hand nimmt und schon allein dadurch die Welt etwas besser und friedlicher macht. Bob Dylan ist Musik gewordene Politik und Poesie. Er ist das Sonnensystem dieses kulturellen Kosmos und zugleich der dadurch geworfene lange Schatten, der alle überdeckt, konsequenterweise auch sich selbst. Phantom eben, unfassbar im doppelten Sinne.
Besonders erfreulich an dieser Zusammenstellung ist, dass dieser Soundtrack Dylan aus der Folk-Schublade zieht und in einen größeren musikalischen Kontext stellt, der zeigt, wie soulful, bluesy und catchy viele seiner Kompositionen sind. Kompliment auch dafür, dass bei der Songauswahl mehrheitlich nicht in die sichere Kiste gegriffen wurde, sondern eine Reihe der eher weniger populären Lieder ausgewählt wurden und sich somit eine sehr stimmige, ausgewogene, abwechslungsreiche Mischung ergibt, die den gesamten Dylanschen Kosmos ausbreitet. Das Rebellische steht neben dem Zartfühlenden, das Trotzige neben dem Traurigen, das Lyrische neben dem Prosaischen.
Absolute Volltreffer auf Disc 1 die bluesgeladene Atmosphäre von “Ballad of a thin man” mit Stephen Malkmus & The million dollar bashers und das höchst einfühlsame, unter die Haut gehende “The man in the long black coat” in der Fassung von Mark Lanegan, der hier in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal (nach dem biblischen Übersong 2007 “Revival” der Soulsavers) in einer gesanglichen Gastrolle glänzt, die einem die Schuhe auszieht, sowie alle Interpretationen, an denen Calexico mit ihren Mariachiklängen mitwirken. Herausragend “Dark eyes” als filigraner, klappernder, angeschrägter Spuk im eingespielten Team mit Iron & Wine und in Kollaboration mit Altmeister Willie Nelson, der “Senor” die authentische Würde des alten, verlorenen Outlaws verleiht.
Mit einer gesunden Balance aus Progressivität und Intensität setzt sich des Ohrtrommlers Freude auf CD 2 fort. Highlights hier abermals Stephen Malkmus mit dem nachtrauernden Kleinod “Can´t leave her behind” und “Cold Irons Bound”, dem das alte Eisen Tom Verlaine in Begleitung der The million dollar bashers emotional genau die Kälte des besungen Materials abgewinnt, die einen zu berühren und zu erwärmen vermag. “Moonshiner” von Bob Forrest dargebracht, trägt die tapfere Flamme weiter, die Dylan einst mit seinem Folk weltweit entzündete. Klassisch mit Akustikgitarre und Harmonika. Und Anthony & The Johnsons zelebrieren als weihevollen Abschluss “Knockin´on heaven´s door“. Diese himmlische Hymne löst sich förmlich ins ewige Licht auf. Wie aus dem Jenseits antwortet Bob Dylan & The Band seinen Epigonen “I´m not there.”
Fazit: Wenn der Film nur annähernd so gut ist wie dieser Soundtrack, wird der legendäre Satz “And the Oscar goes to…” im kommenden Jahr mehrfach mit genau diesem Satz abschließen. Ich möchte fast wetten, dass Bob Dylan konsequenterweise nicht da sein wird.


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