Film - 30.11.07 - tele

Filmkritik: Der Goldene Kompass

Der Kreis von “Herr der Ringe” ist längst geschlossen, und bis es “Harry Potter” mit dem Halbblutprinzen aufnimmt, ist es noch ein ganzes Jahr hin.
Der Goldene Kompass © Warner Bros. Pictures

Es klafft also eine offensichtliche Lücke im Fantasy-Genre. Kann sie “Der goldene Kompass” schließen? Immerhin hat er, im Gegensatz zum wenig beachteten “Narnia” einige Stars im Gepäck, was zur Weihnachtszeit hilfreich sein soll.

Man könnte dieser ersten Großproduktion zu den Romanen von Philip Pullman Kalkül vorwerfen. Doch eine Sache will nicht recht passen. Regisseur Chris Weitz ist eigentlich einer, der mit beiden Beinen im Jetzt steht. Er entwickelte das subtile Drehbuch zur massentauglichen, sympathischen Verfilmung von “About A Boy”, den er mit seinem älteren Bruder inszenierte, und produzierte zum Beispiel die witzige Komödie “Reine Chefsache”, mit der er Dennis Quaid in seiner Rehabilitationsphase half. Und nun? Fantasy? Nach einer Oscar-Nominierung für das Skript mit dem Untertitel “Der Tag der toten Ente”?

Der Goldene Kompass © Warner Bros. Pictures

Warum blieb der vernünftige Geschäftsmann nicht bei seinen Leisten, und schlimmer noch: Warum grub er sich plakativ im norwegischen Spitzbergen ein, um dieses Drehbuch zu schreiben? Offensichtlich hatte er wenig Angst, sich lächerlich zu machen, obwohl er Großes mit den Kleinen vorhatte.

Lyra Belacqua heißt seine Hauptperson, ein zwölfjähriges Mädchen mit roten Locken. Sie begibt sich nicht ganz freiwillig auf eine Reise in den geheimnisvollen Norden der Welt, um ihren Freund, ebenfalls ein Waisenkind, zu befreien. Und nebenbei muss sie noch die Machenschaften der undurchsichtigen Marisa Coulter (Nicole Kidman) aufdecken, die nur auf den ersten Blick eine Kinderfreundin ist, und Lyras Onkel (Daniel Craig, mit nur wenigen Auftritten) nach dem Leben trachtet.

10.000 Anwärterinnen wurden gecastet, für so übertrieben man das auch halten mag, Dakota Blue Richards ist in der Tat genau richtig für die Rolle der Lyra. Sie kombiniert britische Verachtung und kindlichen Mut jenseits des Heldentums und beherrscht überdies das Ausweichmanöver, eben nicht wie ein kleiner Klugscheißer zu wirken.

Das Märchen startet, obwohl es in unbekannte Sphären führt, nicht nur wegen seiner Hauptdarstellerin mit erstaunlicher Normalität. Sogar die überirdisch güldene Nicole Kidman ist zu einem ganz normalen Tischgespräch in der Lage. Mit eben dieser Selbstverständlichkeit werden die Dämonen eingeführt – Tiere, die dem Wesen des Menschen entsprechen, bei Kindern oft noch von wechselhafter Gestalt. Diesen Bereich nutzt Weitz als Spielwiese für die Animationsabteilung, driftet bisweilen ins Comichafte ab, was das elegische Werk im ersten Drittel angenehm auflockert. Es dauert eine Weile, bis überhaupt der Kompass erklärt wird. Doch so der Zuschauer über dessen Eigenschaften informiert ist, ist dies gleichzeitig der Startschuss zum nächsten Abschnitt.

Der Goldene Kompass © Warner Bros. Pictures

Der macht dann klar, dass dieser erste Teil einer Trilogie, die immerhin 14 Millionen Mal über den Ladentisch ging, keine 99-Euro-Produktion ist. Mit dem zunehmenden Ausstattungs-Overkill verliert das lange Jahre vorbereitete Projekt an Individualität, was aber einfach in der Natur der Sache liegt. Komparsenschlachten, unendliche Abgründe, obskure Gebäude sind dem Kinozuschauer bekannt.

Wenn er den Score bis zur Ohnmacht anschwellen hört, weiß er, dass das Brüllen der Eisbären eher dem Soundsystem denn der Geschichte zugutekommt. Und doch bleibt das mystische Abenteuer mit jeder Menge Sternenstaub menschlich und ist weitgehend kindgerecht. Nur das Ende kommt dann fast ein wenig abrupt, war das nicht weiland auch bei “Der Herr der Ringe” so? (tsch)



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