Konzert-Review: Von knüppelhart bis engelzart – Gravenhurst in Köln
Würde man Nick Talbot zufällig auf der Straße begegnen, blickte man in ein freundliches, aber eher unscheinbares Allerweltsgesicht, das man ein paar Schritte weiter wahrscheinlich schon wieder vergessen hätte.
Aber wer Nick Talbot auf der Bühne erlebt wie am vergangenen Samstag im Kölner Gebäude 9, wird diesen Fielmann-Brillenträger sicher nicht mehr so schnell aus dem Gedächtnis entlassen. Denn so scheu er einem auch hier begegnet, die Bühnenperformance, die er mit seiner Band Gravenhurst liefert, hinterlässt tiefen und bleibenden Eindruck bei Liebhabern anspruchsvoller Rockmusik.
Video zu TRUST vom neuen Album THE WESTERN LANDS
Talbot treibt als spiritus rector und primus inter pares seine Mitmusiker durch das Repertoire der beiden hervorragenden Alben “The Western Lands” und “Fires In Distant Buildings” und legt dabei seine zarte Seele bloß, die sich in filigranen, melodiösen Kompositionen unwiderstehlich in die Gehörgänge schleicht. at seventeen I heard my calling
Live mit einer gehörigen Portion Rockverve vorgetragen, die von markanten, höchst eingängigen Gitarrenriffs geprägt sind, brechen die sanften Emotionen gelegentlich aus und mutieren dann zu aggressiven, depressionsartigen Schüben, die in quälende Rückkopplungsorgien gipfeln, lärmende Destillate einer nicht mehr zu bändigenden Gefühlswelt. Als wolle Talbot jeden an seinen Befindlichkeiten teilhaben lassen. Das ist so faszinierend wie verstörend, vor allem präsent und konsequent bis in den letzten Hall. Nur selten wird man Zeuge solcher Inbrunst von Empfindung.
Lyrics zu SAINTS
to suffocate with my embrace
murder ten to save a hundred
drown the whole world in my faith
from a long line I descended
immaculate, an empty womb
and the spur is desperation
maybe God is desperate too
in watermarks and lonely places
a private measurement of time
in made-up names and blacked-out faces
I will trace my blood line
Songs wie “Saints” “She Dances” “Hollow Men” und “Song Among The Pine” berühren vom ersten Moment an und vermitteln mit ebenso viel Kraft wie Innigkeit, dass Talbot einer der derzeit sensibelsten Songwriter ist, den das Vereinigte Königreich aufzubieten hat.
Dass er im Grunde genommen ein Einzelgänger ist, beweist die Tatsache, dass er zur Zugabe seine Band verabschiedet hat und drei Songs allein bestreitet. Zweifellos der Höhepunkt des kurzen, aber nachhaltig wirkenden Sets. Zu wundervoll melodischen Gitarrenakkorden schüttet Nick Talbot dem Publikum freimütig sein großes Herz aus, das im zarten “Hourglass” und der grandiosen Gänsehautballade “Cities beneath the sea” über sich hinauswächst in eine fast unwirklich scheinende Schönheit, die jeden im Saal zutiefst berührt. Große Songkunst eines männlichen Erzengels, von dem wir in Zukunft sicher mehr hören werden.
Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass mit den New Yorker Newcomern “Yeasayer” ein Guest Act als Anheizer zum Zuge kam, der mit seiner eigenwilligen exaltierten Groove-Space-Rhythm-Rock-Stilistik sehr zum Gelingen des Abends beitrug. Auch dies eine Band, die mit Ihrer Leidenschaft mitzureißen verstand und daher verdientermaßen zahlreiche Exemplare ihres Debüt-Albums “All hour cymbals” unters Konzertvolk zu bringen wusste.
Weitere Hörproben beider Bands unter:
www.gravenhurstmusic.com
www.yeasayer.net


Feines Folkalbum
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