Musik - 22.11.07 -

Kreideweiß – Die neue Intensität der PJ Harvey

PJ Harvey White Chalk Limidet Sleeve Edition

Auf dem Cover sieht sie aus wie der weibliche Geist von Nick Cave, der aus dem 19. Jahrhundert in ein Photostudio der Neuzeit gebeamt wurde: Polly Jean Harvey, besser bekannt unter dem Kürzel PJ Harvey.

Ein Name, der seit 15 Jahren für außergewöhnliches Songwriting-Talent steht, das gepaart ist mit Ecken und Kanten, Sinn für Experiment und Extrem, immer für das eine oder andere höllisch scharfe Riff gut, aber auch für Reduktion auf das Wesentliche, das einen meist bereits nach nur wenigen Akkorden anzufassen weiß. Ein teils radikaler Selbsterfahrungs-Trip, der oft hohes Faszinations-Potenzial besitzt, auch weil eine gewisse Unberechenbarkeit damit verknüpft ist, was wohl als nächstes kommt.

White Chalk” ist aber trotzdem mehr als eine Überraschung, weil dieser Songzyklus ein lebendes weibliches Skelett ist, ein übersinnlicher Frauenakt in 11 kohleschwarzen Notenstrichen darstellt.

Verwundbarkeit in Klang übersetzt ist das, konsequenterweise zumeist auf die nackte Wahrheit herunterinstrumentiert. Und so todesengelgleich wie sich uns Polly Jean optisch auf ihrem Album zeigt, so verloren und verlassen von Gott und Welt ist auch die Stimmung der Songs, die durchzogen sind vom Momentum der Endlichkeit mit nur vager, leiser Hoffnung auf etwas Ewigkeit. Fragile, filigrane Skizzen von hoher Intimität und Intensität, die an die abgrundtiefen Ränder der Existenz gezeichnet sind. Das Vergängliche ist hier permanent anwesend, manche Stücke scheinen entkräftet abzubrechen oder den letzten Atemzug schlicht nicht durchzuatmen.

Man hält selbst den Atem an.

Die meisten der Titel sprechen schon Bände, was die Gefühlslage auf diesem Werk angeht : “The devil”, “Dear darkness” “Broken harp” “Silence” “Before departure”, da mollt es weit und breit durchs knarrige Songgebälk und es scheint, wir befinden uns hier auf dem Dachboden einer latent depressiven Weiblichkeit, wo so mancher Staub und etliche Spinnweben über der gepeinigten Seele hängen. Morbide Melancholie, die nach Erlösung und Erfüllung wimmert.

PJ hat sich selbst ans Kreuz der morschen Mansardenbalken genagelt. Für uns.

Dieses schneewittchenweiße Stück Kreide, das sie da in elf Miniaturen zerbrochen hat, schreibt – ohne jedes Quietschen – zaghafteste Daseinsbeweise auf die Schiefertafel des Lebens. Das Gespenst, das hier herumgeistert, ist von einer Blässe und Blöße, aus der sich die Maske Mensch schält wie ein Phantom. Es ist der alte Affe Angst, den PJ mit unserem Spiegelbild herumlaufen lässt.

Das ist schauerlich, das ist schön. Und nach 34 fesselnden Minuten weiß man, dass das Frösteln der Haut nichts mit der Jahreszeit zu tun hat und das kreideweiße Gesicht, in das man am nächsten Morgen blickt, nichts mit Vitaminmangel. Es steckt einem nur schwer in den Knochen, dass man wieder mal eine halbe Stunde ganz deutlich den unvermeidlichen Abschied gespürt hat, der als Vorboten betörende Klänge aus dem Jenseits geschickt hat, aus dem unheimlichen Dunkel.

Licht! Bitte!!!

Das neue Video (wmv) seht Ihr hier



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