TV-Tipp: Die Rache der Ozeane – Doku über globale Umweltsünden
Vormerken! Fr. 07.12., 21.45 Uhr, ARD
Die Krise des Meeres
Die Doku “Die Rache der Ozeane” deckt globale Umweltsünden auf
Längst ist es unübersehbar, dass Hollywood sein grünes Gewissen entdeckt hat. Die “Academy” ehrt Al Gores “Eine unbequeme Wahrheit” mit dem Dokumentarfilm-Oscar, und Stars wie Leonardo DiCaprio oder Angelina Jolie nutzen ihre Popularität, um über den Klimawandel aufzuklären. Spätestens seit Roland Emmerichs Film “The Day After Tomorrow” (2004) weiß man in der amerikanischen Filmindustrie aber auch, dass sich mit globalen Umweltthemen – besser Umweltkatastrophen – viel Geld verdienen lässt. 2009 kommt die Big-Budget-Verfilmung des deutschen Öko-Science-Fiction Bestsellers “Der Schwarm” von Frank Schätzing in die Kinos. Schauspielerin Uma Thurmann sicherte sich die Rechte, Ted Tally (“Das Schweigen der Lämmer”) brütet gerade über dem Drehbuch. Dethlev Cordts und Nicola von Oppeln, zwei der renommiertesten deutschen Umweltfilmer, sind auf ihrer 200 Tage dauernden Reise zu den maritimen Schauplätzen von “Der Schwarm” gereist. Ihre 90 Minuten-Dokumentation “Die Rache der Ozeane” (Fr. 07.12., 21.45 Uhr, ARD) versucht zu klären: Geht die Welt wirklich unter?
Klimawandel, Klimahysterie – wie schlimm ist es wirklich? Selbst die Träger des geteilten Friedensnobelpreises 2007, Al Gore und der Weltklimarat IPCC, scheinen sich in dieser Frage uneins. Von katastrophenfilmverdächtigen sieben Metern Anstieg des Meeresspiegels in diesem Jahrhundert geht der ehemalige US-Vizepräsindent aus, über moderate 69 Zentimeter spricht das wissenschaftliche Fachgremium der Vereinten Nationen.
“Sieben Meter sind sicher übertrieben. Das ist der Anstieg, den Al Gore für den Fall eines Abschmelzens des gesamten Grönlandeises berechnet hat. Grönland wird aber nicht von einem Moment auf den anderen abschmelzen. Andererseits sind die Schätzungen des Weltklimarates mit 69 Zentimetern wohl etwas zu zurückhaltend.” Dethlev Cordts ist Physiker, Filmemacher und Norddeutscher. Ein Eigenschaftsbündel, dessen Träger wohl nicht zum reißerischen Übertreiben neigt. Trotzdem kommt der Journalist am Ende seiner zweijährigen Reise zu den globalen Hotspots maritimer Umwelt-Kampfzonen zum Urteil: “Die Katastrophe ist längst da.”
“Der Schwarm” – über zwei Millionen Auflage – erzählt die Geschichte der Meere, die sich gegen den Menschen erheben. Eine blaue Intelligenz aus den Tiefen der Ozeane wehrt sich gegen ihre Peiniger: Sie lässt Wale Schiffe attackieren oder verursacht Tsunamis, die Nordeuropa verwüsten. Doch die Kausalkette der Meereskatastrophen funktioniert auch ohne jene geheimnisvolle Intelligenz. Dethlev Cordts untersucht das Versiegen des Golfstromes vor Spitzbergen, er reist zur gewaltigen Eisschmelze nach Grönland, besucht die flache Inselgruppe der Malediven, die in 50 bis 100 Jahren untergegangen sein werden, und beobachtet das Verschwinden der Wale vor der Küste Kanadas.
Auf Vancouver Island identifiziert der Filmemacher eine typische Wirkungskette von Naturkatastrophen: Hier werden die Wälder großflächig kahl geschlagen und der erodierte Boden durch Regen in die Flüsse gespült, die wiederum verschlammen und so den früher gewaltigen Lachspopulationen ihren Lebensraum entziehen – wodurch Nahrung für die Orka-Wale fehlt. Artensterben und das Horrorszenario toter Meere stehen aber auch aufgrund globaler Wirkmechanismen bevor: Weil sich das Kohlendioxid aus der Luft (“Treibhauseffekt”) großflächig im Wasser auflöst, entsteht eine starke Übersäuerung der Meere. Dethlev Cordts erklärt die Folgen: “Der Anfang der Nahrungskette im Ozean besteht aus den winzigen Planktonorganismen, die verfügen über Kalkskelette. Der saure Ozean verursacht bei ihnen eine Art Osteoporose, also Knochenschwund. Das wird dafür sorgen, dass die Nahrungskette zusammenbricht und irgendwann Fische und Wale verschwinden.”
“Höher, saurer, wärmer” – so fassen Wissenschaftler die maritime Problematik zusammen. Eisschmelze, CO2-Reaktion im Wasser und der Treibhauseffekt sind verantwortlich dafür. Immer deutlicher zeigt sich, dass der CO2-Ausstoß weltweit drastisch reduziert werden muss, um eine Katastrophe im Stile eines Hollywoodfilms zu verhindern. “Ziemlich sicher wird die Temperatur bis zur Mitte des Jahrhunderts um zwei Grad ansteigen”, fasst Dethlev Cordts die Erkenntnisse seiner Reise und vieler Gespräche mit Wissenschaftlern zusammen. “Das lässt sich jetzt schon gar nicht mehr verhindern. Wenn wir ab sofort maximale Anstrengungen zur CO2-Eindämmung unternehmen, kommen wir vielleicht knapp an den vier Grad vorbei. Vier Grad Erwärmung werden von Fachleuten als kritische Grenze gesehen, jenseits derer die absolute Katastrophe beginnt.”
“Unter der Hand und abseits politischer Forderungen”, so Dethlev Cordts, der seit Mitte der 80-er Umweltfilme dreht, “zeigen sich viele Wissenschaftler skeptisch, ob diese vier Grad Erwärmung verhindert werden können.” Zu hemmungslos wächst der CO2-Ausstoß von Nationen wie China, Indien oder Brasilien. Trotzdem schwankt sein Film “Die Rache der Ozeane” zwischen Pessimismus und Aufbruchsstimmung. Der Schauspieler Robert Atzorn, Präsentator der Filmreise, appelliert an unsere Verantwortung für die kommenden Nationen. Er widerspricht dem Autor Frank Schätzing, dessen Filminterview-Credo “Die Menschheit muss erst auf die Schnauze fallen, damit sich etwas ändert” in positive Energiebahnen gelenkt werden soll.
“Man muss sich gut überlegen, wie man den Leuten etwas beibringt. Man muss ihnen Hoffnung geben, dass noch etwas möglich ist. Wenn man sie überfordert, folgt Verdrängung und Verweigerung.” Immerhin weiß der Filmemacher, dass seine zwei Dekaden an der filmischen Umweltfront Früchte getragen haben. Von saurem Regen spricht heute kaum noch jemand, und auch die deutschen Flüsse sind wieder sauber. “Deutschland ist führend auf dem Gebiet der Umwelttechnik. Nirgendwo wurden in den letzten 30 Jahren so viele Patente angemeldet. Mittlerweile gibt es über eine Million Arbeitsplätze in der Umwelttechnik, mehr als in der Automobilindustrie.” Filmisches Umweltengagement lohnt sich also. In Anbetracht der globalen Klimakatastrophe tut die grüne Filmwelle aber auch bitter Not.
(tsch)



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