Musik - 02.11.07 -

Voodoo aus Köln – Der betäubende Kraut Prog von Can

Neues aus Kleinodien: CANAnthology & legale Drogen

Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre war Deutschland nicht nur für politische Revolte und gesellschaftliche Veränderungen ein besonders heißes Pflaster, auch in der Musikszene standen die Zeichen auf Grenzüberschreitung bis hin zur Grenzerfahrung. Der Krautrock wurde geboren, zum einen markantes Etikett für die seinerzeit international noch exotische deutsche Herkunft, zum anderen auch treffende Bezeichnung für eine teilweise Durchmischung unterschiedlicher Musik-Genres, die sich vorrangig aus dem Umfeld der Rockmusik speisten.

Zu den gesellschaftlichen Grenzbereichen, gerade im Umfeld der populären Musikkultur, gehörte das Experimentieren mit halluzinogenen Drogen wie Heroin und LSD bis hin zum Schnüffeln von Klebstoffen und der Zubereitung von Giftpilzen, um Bewusstseins erweiternde Erfahrungen zu machen und Wahrnehmungssteigerungen zu erzielen. Mit leider nicht wenigen Opfern, bei denen die Neugierde und Lust am Einmaligen, Wunderbaren durch Abhängigkeit zum finalen Verhängnis wurde.

Ein ganz legales Rauschmittel dieser Jahre und das ideale Surrogat für alle, die auch ohne chemische Zusatzstoffe auf ungeahnte Trips gehen wollten, war die Band Can, die sich 1968 in Köln formierte. Diese Musikgruppe, die einen völlig eigenen Stil entwickelte, zählt heute neben den Elektronik-Heroen Kraftwerk, Tangerine Dream und Neu zu der Handvoll deutscher Bands, die die internationale Musikszene nachhaltig beeinflusst haben und auch heute immer wieder als Impuls- und Ideengeber genannt werden.

Fusion im besten Sinne war das, was Irmin Schmidt (Keyboards), Holger Czukay (Bass und später auch Elektronik), Michael Karoli (Gitarre), Jaki Liebezeit (Schlagzeug) und Damo Suzuki (Gesang) als klangliche Seele von Can geradezu zusammen bastelten, denn diese Musiker aus verschiedenen Genres von Klassik über Beat bis Free Jazz fanden als Kollektiv vor allem über die hohe Kunst der Improvisation zueinander. Eine ganz eigenartige, teils seltsam anmutende Mixtur verschiedener Stile wurde so zum Soundgebräu, das einer Hexenküche zu entstammen schien.

Mäandernde Songstrukturen, die ihre tranceartige Wirkung und unglaubliche Sogwirkung daraus bezogen, dass sich aus einer scheinbaren Monotonie der Takte und Töne eine ganz eigene Magie entwickelte, dass sich aus einem klar erkennbaren, strengen Songgerüst eine unglaubliche Dimension der Freiheit schälte und ein Eigenleben entwickelte.

Der gewählte Bandname Can war das geradezu programmatische Passepartout für diese manischen bizarren eklektischen Klangwelten, deutete er doch an, dass alles möglich ist, wenn man als Musiker darauf vertraut, seine angelernten Reflexe und Muster von der Kette und herumstreunen und neue Entdeckungen machen zu lassen.

Die hohe Musikalität der einzelnen Bandmitglieder und der Mut, sich umeinander zu bewegen wie Satelliten, machte den ganz besonderen Reiz und die fesselnde Faszination aus, mit der Can ihre Interpretation von Rockmusik mit weltmusikalischen und ethnisch-folkloristischen Einflüssen und elektronischen Experimenten bis hin zu Störgeräuschen bereicherten.

Nicht von ungefähr sind die avantgardistischen Elemente der Rheinländer zum Vorbild und zur Inspiration für neuzeitliche Klang- und Songtüftler wie die famosen Radiohead geworden. Nach rein musikalischem Verständnis könnte man Can Zu Recht als die erste echte Indie-Band der Musikgeschichte bezeichnen. Denn sie waren absolute Erneuerer, stets bestrebt ihre Ausdrucksmöglichkeiten über die Grenzen der Rockmusik zu erweitern und eine ganz eigene Ästhetik abseits des Mainstreams zu etablieren.

Dass Can es trotz ihrer für die Massenhörgewohnheiten eher sperrigen, unzugänglichen Klänge kurzzeitig zu enormer Popularität und sogar zu einem veritablen “Hit” brachten, verdanken sie dem Durbridge-Straßenfeger “Das Messer.” Ihr spukiges geheimnisvolles Spoon lieferte den perfekten Soundtrack zu diesem Kult-Krimi aus den Anfangstagen des TV. 2003 erfuhr die Band mit dem deutschen Musikpreis Echo sogar noch eine späte Ehre für ihr Lebenswerk.

Wie einzigartig die Can Klanggebilde sind, kann man schwerlich beschreiben, man muss es hören. Wer bereit ist, sich fallen zu lassen und hinzugeben an Musik, die auch heute noch wie eine Botschaft aus einer unbekannten Zukunft erscheint, der widme sich mit Kopfhörern, offenem Ohr und Geist entweder den brillanten Remixes von u.a. Brian Eno und Sonic Youth auf der Doppel-CD “Sacrilege” oder dem wieder veröffentlichten 71er Meisterwerk Tago Mago, das einen in den magischen Songkosmos hineinzieht und sich jeder gängigen Einordnung entzieht.

Was Can dort auf Stücken wie “Mushroom,” “Halleluhwah” und “Aumgn” vollbringen, ist Voodoozauber, der einen in die Tiefen des Unterbewusstseins schleudert und die Sinne verwirrt. Wie gesagt: Eine ganz legale Droge.

Mehr Can unter:
www.elektrolurch.com/spezial/can/can.htm



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