Aufpolierter Oldtimer – Chrome dreams II von Neil Young
Nicht zu fassen: Am 12. November wird Neil Young 62 und was hat der Mann in dieser Zeit nicht schon alles für seine Legendenbildung als Folk-Country-Rock-Ikone mit und ohne Band, als No-Stardom-Star, verrückter Pferdeflüsterer, Label-Rebell, Grunge-Urvater, Rückkopplungs-Weltmeister, Werbe-Satiriker, Reagan-Patriot und Bush-Bekämpfer getan. Es gibt wohl kaum einen Musiker, der wie der alte Grantler haufenweise Menschen zum Staunen und ebenso viele Leute mit seinem Eigensinn vor die Köpfe gestoßen hat.
Irgendwie ist der Kanadier so was wie der Franz Beckenbauer der Musikszene. Unantastbare Lichtgestalt, aber eben auch einer, den sein eigener Gesprächsbeitrag von eben im nächsten Satz bereits nicht mehr interessiert (Allerdings hält er sich nie auf Weihnachtsfeiern des FC Bayern auf und scheint mit einer Lebensabschnittsgefährtin ausgelastet).
Wie auch immer man die Wankelmütigkeit von Neil Percival Young (ja der zweite Vorname schlägt ihn tatsächlich zum Ritter) bewerten mag, festzuhalten bleibt, dass dieser Mann im Laufe einer schier unendlichen Karriere voller Highlights (da kann bestenfalls Van Morrison mithalten) seinen Weg gepflastert hat mit unvergesslichen Beweisen seiner Unvergleichlichkeit, die Ehrfurcht gebietend ist. Hüllen wir also gnädig den Mantel des Schweigens über einige eher befremdliche Alben-Ausflüge, die wir auf dem Konto Experimente abbuchen können.
Zu bewundern bleibt allein der Komponist von Cowgirl in the sand, Cortez the killer, The needle and the damage done, Heart of gold, Old man, A man needs a maid, Southern man, After the goldrush, Tonight´s the night etc. etc. um mal nur den Beginn dieses Weges zu betiteln.
Like a hurricane soll natürlich nicht vergessen werden, dieser Gottesdienst für Gitarrengläubige mit einem der Atem beraubendsten Soli der Rockgeschichte (sowie der Atem beraubendsten Pump-Organ-Version auf “MTV unplugged”). Und da sind wir mitten drin im neuen Werk “Chrome dreams II,” das eigentlich eine olle Kamelle ist. Denn die hier veröffentlichten Aufnahmen sind im Umfeld der Sessions für “American stars ´n`bars” entstanden, auf dem Young mit Linda Ronstadt und Emmylou Harris zwei der besten amerikanischen Sängerinnen um sich scharte. Und eben jenen Hurricane von Song ablieferte, der endgültig seine Unsterblichkeit unter den Rockheroen manifestierte (man höre sich nur die unglaubliche Live-Version auf “Weld” samt Wah-Wah-Gewitterdonner an – unfassbar!!!).
“Chrome dreams II” (Titel und Cover sind Youngs Oldtimer-Fetischismus geschuldet) sind demnach nicht verwertete Songs für das Bar-unterm- Sternenbanner-Album und wer das weiß, dem bleibt der Mund offen stehen angesichts der Perlen, die auf diesem Outtake-Album aufgereiht sind. Machen wir es kurz: Allein der 18-Minuten-Song “Ordinary people” lässt jeden Hosenknopf vor Freude aufspringen. Dass Neil den nicht als Konkurrenz zum Gitarrensturm auf dem Album haben wollte, leuchtet ein. Denn mit dem ebenfalls zackigen Gitarrenriff und seinen Bläser-Sätzen (das perfekt auch auf den weit unterschätzten 1988er Meisterwerk-Songreigen “This note´s for you” bereichert hätte) hat dieses Lied kaum weniger hinreißendes Suchtpotenzial zu bieten.
Und mit “No hidden path” legt der ewige Young-Brunnen gleich noch einen hochkarätigen 11-Minüter nach, mit dem er bei vollkommener Konsequenz das ultimative Aller-guten-Songs-sind-drei-Album (Hurricane-People-Path) des Rock hätte zusammenstellen können. Obwohl ein Vierter sich auch noch nach vorne drängelt: Das liebenswerte “The way,” das uns schon vor 30 Jahren mit Kinderchor den Badly Drawn Boy (Auf One plus one is one wird auch so schön mehrstimmig gedomspatzt) hätte geben können. Und der Rest von Neils wieder aufbereiteten Überbleibseln ist allemal gut genug, um jede No-Name.Band von 0 auf 100 des Rockfan-Bewusstseins zu katapultieren.
Resümee: Wer solche Spreu verwerten kann, braucht keinen müden Finger mehr für neuen Songweizen rühren, um in Anbetracht des umfassenden Oeuvres weitere 40 Jahre Karriere aus dem Archiv zu bestreiten.
Ganz im Sinne des Young-Schlachtrufs: Hey hey, my my, Rock ´n´ Roll can never die.
Neil Young ohne Ende unter:
ww.neilyoung.com
www.neil-young.info


Feines Folkalbum
Video des Tages
Neues Album der Punk-Pop-Pioniere
















