Musik - 29.10.07 -

Knockout fürs Herz: Boxer von The National

Tiefsten Herbst schreiben wir und aus musikalischer Sicht gibt es allen Grund, fett Erntedank zu feiern, denn 2007 erweist sich als ein Jahr bester Soundlese.

the national, boxer

Dachte der Ohrtrommler bis vor kurzem noch, den Melancholiepreis für die schönste Herbstmusik bedenkenlos an die britischen Gravenhurst und ihr warmherziges Album “Western lands” vergeben zu können, weil betörende Songs wie Saints und “Song among the pine” rot verfärbten Blätter gleich vom Baum herabschweben, um ins Herbarium ewiger Lieder gebettet zu werden, so werde ich just zur Umstellung auf Winterzeit eines Besseren belehrt.

Als Trost für die nun dunkleren Tage kommt da ein mindestens ebenso heller amerikanischer Lichtschein namens The National daher, der gleichermaßen zu Recht Anspruch auf den Laublorbeer erhebt, weil er all die Kerzen anzündet, die uns jetzt die kalten Abende lichter und wärmer machen. Und das trotz eines Titels, der zunächst Hartes statt Zartes verkündet: Boxer.

Dieser Boxer ist allerdings alles andere als ein Haudrauf und besticht mehr durch Leichtfüßigkeit als durch Schlagkraft. Was ihn nicht davon abhält, über 12 Runden lang einen Treffer nach dem anderen zu landen. Schon der erste Punch aufs Trommelfell mit “Fake empire” lässt einen taumeln. Ist das da die Wiederkehr des jungen John Cale, der noch einmal mit der ganzen Schönheit eines Paris 1919 in den Ring steigt? Verblüffend die stimmliche Ähnlichkeit, die sich fortsetzt Lied um Lied, also Hieb um Hieb.

Nach Song drei habe ich nur noch den sehnlichen Wunsch, weiter niedergeschlagen zu werden von diesen Melodien, die einen Cut nach dem anderen ins Herz reißen. Angezählt bis 9 haben sie mich bereits am Boden bei eben Track 9, aber ich rappele ich noch mal hoch zum nächsten Track. Aber die 10 bricht dann jeden Widerstand und schlägt mich vollends K.O. So was Schönes wie “Racing like a pro” schickt auch den Stärksten unweigerlich auf die Bretter. Erst die zarten Bläser-Aufwärtshaken, dann noch ein paar gerade Streicher ans Kinn. Da sackst du weg ins Reich der Träume.

So hat zuletzt “Swept back” von Sophia zugelangt, das melodisch verwandt ist. Und was bekommt man zur Belohnung, wenn man Sternchen sieht? Genau, etwas Himmlisches zum Abschied. Bei The National ein “Gospel“. Das macht das Sterben mehr als nur erträglich. Der sympathischste Boxer seit dem legendären Balladen-Schwergewicht von Simon & Garfunkel.

Also Ring frei für einen neuen Champion.



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