Paul´s Panoptikum – Hereinspaziert ins Musik-Kabinett von Paul Roland

Der Begriff Storyteller trifft im weiteren Sinne sicher auf viele so genannte Songwriter zu. Aber wenn man „Geschichtenerzähler“ mal wörtlich nimmt, gibt es wohl nur einen, der sich im Laufe seiner – einer breiten Öffentlichkeit leider kaum bekannten – Musikerkarriere die Bezeichnung Storyteller redlich verdient hat, weil er auf diesem Terrain eine absolute Ausnahmeerscheinung ist: Paul Roland.

Neues aus Kleinodien

Dieser wohl gebildete Mann, als Autor im angelsächsischen Raum längst bekannt und anerkannt, ist nicht nur literarisch ein famoser Erzähler des Absurden, Obskuren, Bizarren, Okkulten. Er ist ein musikalischer Sonderling, den es unbedingt als eines der großen unterschätzten Talente im Rockzirkus zu entdecken und deswegen zu promoten gilt.

Zirkus ist übrigens als Lokalisierung gar nicht so falsch bei all der Artistik und Akrobatik, mit der Roland seine treu ergebenen Zuhörer seit über 20 Jahren unbemerkt vom Großteil der Gesellschaft bannt. Vielleicht gerade, weil seine Geschichten alle ein wenig außerhalb der Normalität spielen. Was auf nicht wenige Menschen aber einen ganz besonderen Reiz ausübt. Und den weiß Paul Roland sprichwörtlich fabelhaft zu bedienen und zu befriedigen.
Paul Roland, screen Website www.paulroland.net
Bei ihm geben sich Jack the Ripper und Peter Pan die Klinke in die Hand, hier geistern Alchemisten und Schlossgespenster, Werwölfe und Vampire, Wunderheiler und Elefantenmenschen durch die Gegend, um sich zum Dinner im Laboratorium von Dr. Frankenstein oder im Kabinett des Dr. Cagliari zu treffen. Ja Wachsfiguren sind in dieser Welt noch zu bestaunen und Feuerschlucker, Messerwerfer und all das fahrende Volk, das sich mit Vagabunden und Ganoven ein Stelldichein gibt bis hinauf in die verfallenden Herrenhäuser des Hochadels, der sich im Sturz auf die Möglichkeit des Verbrechens als letzte Überlebenschance besinnt.

Hier werden noch Gaslaternen angezündet und Gehirne im Glas konserviert, Jungfrauen zersägt und Marionetten spazieren geführt, Friedhöfe geplündert und Monde im Wolfrudel angeheult. Und bevölkert werden die Szenarien von allerlei absonderlichen Gestalten, denen man in der Regel nur in finsterer Nacht oder in den entlegensten Winkeln der Phantasie begegnet. Das ist ebenso geheimnisvoll wie unterhaltsam, denn in all den Merkwürdigkeiten lauert doch immer ein Augenzwinkern, das Schaudern bleibt einem nur kurz im Halse stecken. Der romantische Grundgedanke, auf den Roland aufbaut, wird zwar eher durch eine schwarze als eine blaue Blume symbolisiert und bewegt sich zumeist in Milieus wie dem von E.T.A. Hoffmann´s „Das Fräulein von Scuderi“ (hoffentlich immer noch Pflichtlektüre an Gymnasien?!).

Aber hinter all dem lauert pechschwarzer Humor, das feine respektlose Destillat, das der britischen Kultur und insbesondere den Gattungen Musik und Satire immer wieder über die ansonsten angeschlagenen Geschmacksnerven des United Kingdom hilft.

Die gotisch bis barocke, grotesk bis kabarettöse Kuriositätensammlung, die musikalisch höchst abwechslungsreich und melodisch zwischen Rock und Vaudeville changiert und dabei mit reichlich Instrumentarium aller Gattungen und jeder Menge Schrulligkeiten durchsetzt ist, reüssiert als echtes Kopfhörer-Kino. Individueller und origineller geht´s kaum. Und mehr als drei Minuten pro vertonter Kurzgeschichte benötigt Meister Roland in den seltensten Fällen.

Mal mit Verve und reichlich Schmiss in den Gitarren, mal elegisch bis verträumt und querflöten- oder streicherverschnörkelt, mal mit leicht schwermütiger Eleganz oder mit bissiger Wucht werden diese kleinen Wunderwerke erzählt, Doktor Jekyll und Mr.Hyde eben. Wer jetzt immer noch kein Bild vor Augen hat, stelle sich schlicht die Filme des B-Movie-Kult-Stars Vincent Price als Soundtracks vor. Ansonsten ist der an dieser Stelle irritiert und verstört schauenden Kleintel nicht zu helfen, denn sie gehört höchstwahrscheinlich dem von Roland verwendeten Personal an.

Grüß Euch Ihr homunculi und salutierende morituri und ab zurück in die Mottenkiste oder den nächsten Sarg.

In dieses Gruselfuselfunzelschmunzel-Szenario mischt Paul Roland immer wieder Hymnisches und Erbauliches wie etwa „Wyndham hill“ oder „Poets and painters“, einer meiner persönlichen Lieblingssongs, weil auf diese Spezies von Künstlern der liebe Gott – laut Roland - ein besonders wachsames und wohlwollendes Auge hat.

Selbst die – zugegeben – etwas dünne, brüchige Stimme Rolands fügt sich nahtlos in dieses Panoptikum der im besten Sinne merkwürdigen Seltsamkeiten. Und mit der Zeit wird sie einem recht vertraut uns als einzige passend wahrgenommen, diese Märchenstunden zu zelebrieren. Dutzende schillernder Klangperlen versammelt der gute Paul in seiner Schatulle der kompositorischen Kostbarkeiten vom mondänen Siegelring des untergegangenen Adelsgeschlechts bis zum trügerisch verzierten Medaillon mit Giftpille im Reservoir.

Und konsequenterweise sind auch zahlreiche seiner Alben mittlerweile Raritäten, die nur zu höheren Preisen zu erwerben sind. Denn die kleineren Auflagen sind wahrscheinlich nicht auf Mainstream, sondern echte Liebhaber ausgerichtet, die sich nachts mit hoch geschlagenem Mantelkragen aus dem Haus schleichen, um in den dunkelsten Gassen und finstersten Kellern der Stadt dem Unheimlichen zu begegnen.

Schatzkiste: Alles von Werewolf of London über A cabinet of Curiosities (wie bezeichnend) bis hin zum letzten offiziellen Studio-Album Re-Animator von 2005

Mehr Paul Roland unter:
www.paulroland.de

Und nur für Insider und Liebhaber:
www.dunkelromantik.de

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