Politik - 07.10.07 -

Fall-Studien – ein deutsches Märchen (im Gedenken an Willy Brandt)

I
Berlin, 13.August 1961

WilliBrandt 1969
Es war einmal ein Volk,
dem fiel nichts Besseres ein
als sich in zwei Staaten zu teilen
und eine Mauer zu errichten,
dort wo die Sonne aufgeht.

Mitten im Sommer kalter Krieg.

Und einer blickte
von Westen nach Osten
über den wachsenden Wall,

einer dem es schwer fiel,
sich damit abzufinden,
sich zu trennen
von Einigkeit, dem Recht
auf Freiheit,
von der Idee des Friedens,
vom Wagnis Demokratie.

Er schwor sich,
nicht eher zu ruhen,
bis zum Fall dieser Mauer,
deren erste Steine ihm
gerade in den Weg
gelegt wurden.

II
Warschau, 7. Dezember 1970

WB
Es war einmal ein Mensch,
der fiel auf seine Knie
vor den Augen der Welt,
um Schuld zu bekennen,
Schande und Scham.
Nie stieg jemand so hoch
in der Achtung der Welt,
wie er, der allein so tief
zu sinken bereit war
für ein ganzes Volk.

III
Bonn. 7. Mai 1974

WilliBrandt1978
Es war einmal ein Mensch,
dem fiel man in den Rücken
mit aller Macht.
Er tat,
was in seiner Macht stand,
um wie geschworen
Schaden abzuwenden
von seinem Land
seinem Volk,
seinem Amt
und brachte sich
selbst zu Fall.

IV
Berlin, 9. November 1989

Auf der Mauer1989
Es war einmal ein Volk,
das brach in Jubel und Tränen aus
als die Mauer fiel.
Menschen fielen sich in die Arme
von Ost nach West,
vereinigten sich in Gruß und Kuss
und Tränen und Plänen.
Doch niemandem fiel es ein,
dem einen um den Hals zu fallen,
der damals auf seine Knie fiel
für diesen Moment.

V
Unkel, 8. Oktober 1992

WillBrandt1987
Es war einmal ein Mensch,
der fiel lange Zeit
in die manische Depression
der Demokratie,
die ihm Euphorie war
und Empathie zu Beginn,
die ihm begegnete mit
Perfidie und Misanthropie,
die ihn begleitete
durch Melancholie
und Agonie zuletzt.
Doch als alles abfiel von ihm,
Konflikte, Kämpfe, Krebs,
da fiel er im Herbst
wie ein Blatt vom Baum
der Erde zu
in tiefen, friedvollen,
verdienten Schlaf.

Thomas Schubert, 2007



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