Musik - 04.09.07 -

Worte, Werte, Wut und Wärme – Wacker Wecker! Teil 1

Dem Weinstock werden die Reben
im Herbst so furchtbar schwer,
und um zu überleben,
gibt er sie einfach wieder her.

Das mag ich so an den Bäumen:
ihr Wissen um Sterben und Sucht.
Was sie sich im Frühjahr erträumen,
verteilen sie später als Frucht.

Diese wunderbaren Zeilen stammen nicht aus einem Rilke-Gedicht, es handelt sich hier um einen der zahlreichen Liedtexte, die Konstantin Wecker in seiner langen bisherigen Karriere geschrieben und durch gleichsam lyrische Musik veredelt hat.

Zu Beginn dieses Artikels ist das mehr als eine gelungene textliche Reminiszenz an die gerade begonnene Jahreszeit. Es ist aus meiner Sicht der bestmögliche Ausgangspunkt, sich dem Künstler und Menschen Wecker, der am 1. Juni 60 geworden ist, zu nähern. Aus seiner Lebensmitte heraus, in der Sturm und Drang des rebellischen Geistes dem wilden Herzen des gereiften Philosophen begegnet sind und sein großes Talent verdichteten zu einer besonderen künstlerischen Persönlichkeit. Repräsentiert durch eine Schallplatte, die ein Vierteljahrhundert nach ihrem Erscheinen wieder gehört werden sollte, weil sie brandaktuell ist in ihrem Zorn über die Zustände von Land und Leuten wie in ihrer Reflektiertheit des eigenen Befindens und der daraus folgenden Werteorientiertheit.

Das Gleichnis vom Weinstock und den Reben hat Wecker dem Werk “Das macht mir Mut” bescheiden an den Schluss gestellt. Aber genau dort am Ende, als Ausklang gewinnt das “Mutmachende” seine Bedeutung als zweites Ende der Parabel dieses Liederzyklus vom Aufbruch der Seele, das als Lebensmotto für Wecker stehen dürfte. Für einen, der immer wieder den Mut findet, aufzustehen und sich die Freiheit nimmt, den Mund aufzumachen, wie es Erich Fried genannt hat, in dessen geistiger Nähe er steht. Ein Aufklärer.

“Das macht mir Mut, so muss es sein, und wenn dir was weh tut, dann musst du schrei´n” Da ist am Anfang der Album-Parabel der Revoluzzer Wecker. Das steht für seinen Mut und seine Wut im politischen und gesellschaftlichen Engagement gegen Missstände. Für seine Sanftmut und Demut, für seine Mitmenschlichkeit und seine Glaubens- und darum auch Leidensfähigkeit, für das konsequente, unbedingte Leben aus dem Bewusstsein der Vergänglichkeit heraus aber stehen am Ende der Weinstock und die Reben.

Vor 25 Jahren war dieser Liederreigen eine Offenbarung für viele junge Männer, atmete er doch schlicht all das, was an Zweifeln, Fragen und Unsicherheiten, an Melancholie, Empathie und Euphorie sich mischt in Geist und Seele, wenn man auf der Suche ist nach Sinn und Weg, in den Irrungen und Wirrungen von Leben, Liebe und Tod als existenzielle Fragen in nächtelangen philosophischen Gesprächen gefangen. Mir wurde klar, dass dieser Konstantin Alexander Wecker über die große Gabe verfügt, eigene Empfindungen und Erfahrungen so nachvollziehbar in Musik und Wort zu übertragen, dass man sich als halbwegs sensibler Mensche dem Mitfühlen und Mitdenken nicht entziehen kann.

Du mußt dir alles geben,
Dämmern und Morgenrot,
unendlich laß dich leben,
oder bleib ewig tot.

Ja, genau! So geht mir das auch. Und im nächsten Moment der Absturz in “Wieder eine Nacht allein”, wo weinselige Melancholie einen überfällt und alles wieder in Frage stellt, wo man als einsamer Wolf durch nächtliche Straßen schleicht und die Liebe nicht mehr ist als eine unerreichbare Phantasie.
Das manisch-depressive Element dieser Platte ist nicht nur ein Himmel hoch jauchzendes zu Tode betrübtes Pendeln zwischen Mut, Schwermut und Demut, es ist ein Fingerzeig, dass man Krisen als Chancen begreifen muss, um überleben zu können in einer kalten, gefühllosen Welt. Die eigene kleine Flamme immer wieder anzünden und tapfer in den Wind halten, in der Hoffnung und in der guten Absicht, dass sie jemandem leuchten oder ihn erwärmen kann.

Die Neo-Nazi-Gefahr, die Wecker unverdrossen seit Beginn seines Schaffens als Verbal-Fanal beschreibt, hat erst kürzlich wieder neue Opfer gefunden im wirklich depressiven Osten der Republik. Eine Schande für die gesamte politische Kaste, die sich mehr um den eigenen Machterhalt sorgt als um die wahren Probleme des Landes zu kümmern. Und wie schnell ein Stammtischsaufgelage sich auswachsen kann zur gewaltigen und gewalttätigen Entladung von Frustration gepaart mit Dummheit und der Furcht vor allem Fremden, skizziert Wecker in “D´ Zigeiner san kumma”, mit einer mundartlichen Nachdrücklichkeit, die einen schaudern lässt, weil sie die Bedrohung durch die Stumpfheit und Dumpfheit verschworener Gemeinschaften erlebbar und geradezu körperlich spürbar macht.

Das gilt auch für “Das Lied vom Mannsein”, in dem die postfeministische männliche Zerrissenheit und Unsicherheit, ein eigenes Rollenverständnis – besser noch – Rollenverhältnis in der Annäherung der Geschlechter hinzubekommen, spürbar wird. Der schwierige Balance Akt, zwischen Männlichkeit bewahren und sich zum dressierten Männchen zu machen, zwischen natürliche Stärke haben und selbstverständlich Schwäche zeigen, zwischen genetischer Position und political correctness nicht das Menschsein zu verlieren, macht Wecker in wenigen Zeilen so anschaulich, dass selbst Alice Schwarzers Radikalismus, der stellenweise nicht weniger als männlicher Rassismus war, eine Besänftigung erfahren muss.

Ich bleib ein Mann. Nur keine Angst.
Doch deshalb Herrscher? Danke. Nein.

Der Dank dafür ist der kalte Frauenfisch Angela Merkel, der das Spiel der alten Männer spielt und als farbloser Goldfisch durchs Haifischbecken schwimmt. Nichts von der weiblichen Herzens-Wärme und schöpferischen Klugheit versteht sie in die sittlich verkommene Demokratie einzubringen, die jetzt so dringend nötig wäre, um die ganzen Verhärtungen und Verfilzungen endlich einmal aufzubrechen. “Ach du mein schauriges Vaterland.” Treffender und leider trostloser als der Liedermacher kann man den Zustand nicht betiteln.

Mit “Und das soll dann alles gewesen sein” liefert Konstantin Wecker dann schließlich eben auch noch genau die Zivilisations- und Machtkritik, die heute dringender gebraucht wird denn je.
Er prangert das eigene Versagen an, die Welt konstruktiv und für alle gleichsam positiv zu gestalten und ihre Werte und Wunder zu erhalten. Er malt die Klimakatastrophe bereits als Menetekel aufs Albumcover und in die Zeilen des Liedtextes, aber es braucht 25 Jahre und zu viele etablierte, kampfesmüde Gründe, um festzustellen, dass der Zeiger der Uhr von Fünf vor Zwölf auf bereits fünf nach Zwölf weitergerückt ist. Ja, der Mahner Wecker war seiner zeit wie seinen Kritikern voraus, was ihn keinesfalls froh stimmen wird, denn ein Rechthaber ist er nie gewesen, der Wecker, immer nur ein Fürsprecher von Gerechtigkeit. In “Und das soll dann alles gewesen sein” deutet er auch wie so oft seitdem an, dass Obrigkeiten nur mit gesundem anarchischen Geist zu kontrollieren sind, wenn man ihren Kontrollverlust zu Gunsten von persönlichen Eitelkeiten zumindest in Grenzen halten will, weil sonst diese Liedzeilen bis zum bitteren Ende Gültigkeit behalten werden:

Wir haben die Erde so schlecht bestellt
und betrügen noch heute das Morgen.

Mehr über das bewundernswerte Schaffen von Konstantin Wecker demnächst auf Zoolamar. Und aktuell im Fernsehen. Am 7.9.2007 um 23:30 Uhr wird im BR Fernsehen eine 90minütige Aufzeichnung von Weckers Geburtstagskonzert ausgestrahlt. Aufgezeichnet am 1.6.2007 im Circus Krone München, wo Wecker mit vielen Gästen musikalisch feierte. Am 14.9.2007 erscheint Bei Sony BMG die DVD zum Geburtstagskonzert. Das komplette Schaffen Weckers ist anlässlich seines 60. mit zwei monumentalen Liedboxen gewürdigt worden, sein Studiowerk zum einen, seine besonders empfehlenswerten, ans Herz zu legenden, weil passionierten Live-Performances zum anderen. Mehr auf Weckers Homepage www.wecker.de



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