Gesänge, ein Geist, ein Graffiti, Gebete. Gepriesen sei Woven Hand
Woven Hand in concert – Köln, Donnerstag, 16. August 2007.
Kurz vor Acht erreiche ich den Eingang zum Gebäude 9 in Köln-Deutz, ein schäbiger Hinterhof zum Independent-Glück. Typische Industriekultur mit ihrem ganz eigenen Reiz des schleichenden Verfalls, hinter dessen Mauern versteckte Lebenszeichen lauern von bürgerlich bis bizarr. Arbeiterschweiß aus längst vergessenen Vollbeschäftigungszeiten liegt noch in der warmen Luft, die abzukühlen beginnt und sich mit Kaffeearoma vermengt, das aus dem geöffneten Tourbus weht.
Plakate mit dem Motiv des aktuellen Albums verkünden in aller Bescheidenheit der Worte “Heute hier” den Auftritt der vier Evangelisten, die unter dem Decknamen Woven Hand in die Domstadt gekommen sind, um uns Abtrünnige den Glauben an das Gute wieder zu lehren. Doch dafür müssen Sie zuvor das Böse für alle sichtbar, vor allem hörbar an den Pranger bringen und uns Fehlbaren austreiben.

Kaum gedacht, die Worte Teufel und Hölle, da ziehen schon erste dräuende Wolken über den Backsteinausschnitt Himmel, der seinen letzten Rest Sonne in diese Gasse rotzt, in die David Eugene Edwards, Pascal Humbert, Peter van Laerhoven und Ordy Garrison gekommen sind, um nicht weniger als eine bereits zum Ritual gewordenen Teufelsaustreibung vorzunehmen. Der ewige Dämon, der den Woven Hand Bandleader Edwards befallen hat, seit ihn sein Großvater, ein Feuer-und-Schwefel-Prediger der Nazarener Kirche, als 17-Jährigen verstoßen und verdammt hat, weil Dave zu früh heiratete und für sich einen anderen Weg als Christ suchte.
Die Tür zum Tourbus schließt sich, wahrscheinlich weil Edwards für den bevorstehenden Auftritt unbeobachtet sein Büßerhemd überstreifen will. “Sackcloth ´n`ashes” eben.
Gleich neben dem Bus sitzen drei attraktive Wesen weiblichen Geschlechts auf der Bank vor dem Halleneingang und beichten einander ihre Sünden, als sei das Fahrzeug nebenan der ersehnte Beichtstuhl, der Ablass verspricht. Die schöne blonde Stiefellady wirft mir einen kurzen Blick zu, der als Beweis für Unschuld dienen könnte, aber für solchen moralischen Unsinn als Vorbedingung für Himmel und Paradies sind wir alle nicht hier.
Ich lerne dann auch gleich die Vorhölle kennen in Form des Männerklos, das vermutlich Panda als Vorbild gedient hat für die Örtlichkeit, die sie in ihrem aktuellen Video “Jeht kacken” musikalisch besetzen.

Beim Pinkeln schaue ich auf einen nackten Plakat-Arsch auf einem Fahrradsattel, der kommentiert wird von all den kryptischen Sprüchen und Kritzeleien, mit denen die gekachelte Wand übersät ist. Der übermüdete Wasserhahn steht kurz vor der Erosion und anschließenden Explosion samt Rohrbruch und Überschwemmung des Stadtviertels. Hände waschen steht in dieser Pissbude nicht auf dem Programm. Das machen in Köln wahrscheinlich nur die Priester über dem Kelch. Wer weiß?
Der obligatorische Stempel auf die Hand und schon führt mich mein Weg in den Durchgangsbereich der Bar, wo zwei Jungs hinterm Tresen darauf warten, dass etwas Kohle reinkommt für die demnächst nötige Sanierung der Fabrik (siehe Wasserhahn). Aber erst mal gähnende Leere. Das gibt mir Gelegenheit, den Blick durch den Raum schweifen zu lassen, der bei einem Mädel landet, das in einer Kiste kramt.
Ab da werden meine Augen magnetisch angezogen von einem zuerst undefinierbaren Etwas, das von der Decke zu baumeln scheint. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das mysteriöse Objekt als verloren wirkendes T-Shirt, das mit Elchgeweih-Aufdruck und Band-Schriftzug von einer Stoff verhangenen Wand am kargen Merchandising-Stand herab lümmelt.

Allmählich laufen doch ein paar Jünger und Jüngerinnen auf. Die schöne schwarz gestiefelte Blonde kriegt den Blick von vorhin zurück. Unschuld kann ich auch ganz gut vortäuschen. Der vergleichsweise hohe Anteil Frauen, die zu dieser Andacht gekommen sind, ist nicht sehr verwunderlich, da Edwards als Musical Director unter dem Gütesiegel Woven Hand mit “Blush Music” und “Puur” zwei äußerst ambitionierte musikalische Beiträge zu nicht weniger anspruchsvollen Tanztheaterprojekten der flämischen Gruppe Ultima Vez beigesteuert hat.
Kurz vor dem offiziellen Konzertbeginn um 21 Uhr sind immer noch mehr Bierflaschen im Kühlschrank der Bar als Zuhörer in der kleinen Halle, die eine halbe Stunde später zum Fegefeuer läutet. Dann ist es endlich soweit.
Unser aller Lieblingssünder beginnt seine Predigt mit dem Bandoneon in den durchnagelten Händen. Das willkommene 16 Horsepower-Repertoire bildet mit Harm´s way” zu Beginn und “American Wheeze” (mein persönlicher all time favourite) als vorletzte der drei Zugaben-Songs den würdevollen Gesangbuch-Rahmen für diesen spätabendlichen Gottesdienst. Und der geistliche Vorstand hat gleich alle am Mund seiner Botschaften hängen.
Gibt es derzeit einen faszinierenderen, inspirierteren Musiker, der seine gequälte Seele auf so elektrisierende Weise mit seiner Ausdrucksform Musik verschmilzt, dass der Schmerz bis unter die Haut des Publikums dringt und in den stilleren Song-Momenten mehr Tränen in die Augen zu treiben vermag als jede saftige Zwiebel? Kaum.
Mir fällt da bestenfalls noch Chris Hooson von Dakota Suite ein, der allerdings zartbesaiteter ist und weniger energiegeladen als sein blonder Kollege mit dem biblischen Vornamen, der auch tatsächlich im ständigen wütenden Kampf mit Goliath gefangen scheint.
Es ist binnen Sekunden einer dieser heißen und intimen Club-Gigs, die jedes noch so heldenhafte Stadionevent schon alleine deswegen in den Schatten stellen, weil sich hier vier Musiker den Arsch abspielen, obwohl sie wahrscheinlich noch draufzahlen, um auf dieser kleinen Bühne zu stehen, die nicht weniger als Welt bedeutet. Ein existenzieller Ort ohne Frage.
Der Druck in diesem dichten, anschwellenden Sound ist absolut körperlich. Das musizierte “Mosaic” ist zusammengesetzt aus Dramatik und Dynamik, die sich in gegenseitige Ekstase steigern. Permanente Schläge in die Magengrube sind das, ein pumpendes Pulsieren in den Herzkranzgefäßen, Dauerstrom in den Synapsen und zwischendrin Gänsehaut-Streicheleinheiten, die jeden Schoß zum Erzittern bringen. Manche Hoden zucken unter den Bass-Saitenzupfern wie vibrierende Liebeskugeln. Verzerrte Gitarrenriffe lecken ein Venusdelta nach dem anderen während erregte Trommelstöcke Tattoos in Trommelfelle stechen.
Für diesen legalen, bewusstseinserweiternden Rausch muss man sonst Unmengen harter Drogen einwerfen, die einen am bitteren Ende der Pusher-Karriere bestenfalls in eine Toilette spülen wie sie eingangs beschrieben wurde. Nein, dieser Stoff hier ist ungleich härter, radikaler ,schillernder und süchtig machender, aber er bringt Leben statt Tod, mag manche Songdosis auch noch so düster sein. Liebe und Leid, Glaube und Zweifel, Angst und Wut, diese fatale Mischung Menschsein ist das Pulver, das hier in alle Blutkreisläufe und Hirnzellen gedrückt wird aus den Verstärkern.
Die Band ist ein junges Wolfsrudel, das 200 bis 300 Lämmer vor sich hertreibt und eins nach dem anderen reißt. Und diese Geschöpfe, die sie umkreisen, in die sie ihre Zähne schlagen, die sie dann wieder etwas zappeln und bluten lassen bis sie völlig wehrlos sich hingeben ans Unvermeidliche sind wir, eine Herde Schafe, allesamt schwarz, verdammt wie unser Prediger da oben. Selbst die unschuldige schöne Blondine hat die Verderbtheit in den Augen und ihr Körper ist erst recht Sünde, für die es keine Vergebung gibt. Sie wird nie die nächste unbefleckte Empfängerin sein, selbst wenn sie dreimal Maria heißen sollte.
Edwards und seine Apostel treiben ein waidwundes Tier namens Rock vor sich her, dem sie in all seiner Wildheit und Verletzlichkeit die Natur, das Wesentliche zurückgeben: Die Dreieinigkeit aus Körper, Geist und Seele.
Hier bewahrheitet sich wieder der legendäre Satz von Lou Reed (siehe New York): Nothing can beat two guitars, bass, drums.
Und dann einer der Momente, für die zu leben und zu sterben sich lohnt. “Whistling girl” das Streicheln von Dave´s Banjola und das Flüstern seiner Lippen. Ein Psalm, ein Wort nur:
Magie
Einen anderen Begriff gibt es nicht für diesen Ohrenblick. Dieser Mann da kann Fische und Brot vermehren und über Wasser gehen. Und am Ende auch den Berg versetzen, an dessen Talsohle er mit dem Globus steht, der ihm immer von der Schulter fällt und den er dann wieder rauf rollen muss, um das Gewicht der Welt erneut zu schultern. Da bin ich sicher.

Mein Nachbar übrigens auch, der den gleichen andächtigen, demütig dankbaren Blick wie ich spazieren führt. Ein echter Kenner der Band wie sich herausstellt, der gleich echtes Interesse an meinen Notizen bekundet und sich nach ihrem Sinn und Zweck erkundigt. Als ich ihm mitteile, dass das ein Konzertbericht werden soll, belobigt er mich gleich meiner ehrenvollen Absicht wegen, auch einen solchen eher Insider-Act angemessen zu würdigen und den Künstlern damit mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das habe er selbst auch getan bei einem Magazin namens Equinox, wenn ich ihn unter den akustischen Peitschenhieben der Wovens richtig verstanden habe.
Jedenfalls lässt er sich gleich von mir die Webadresse auf einen Zettel schreiben (wieder ein Webrebel mehr). Schade, habe vor eigener Begeisterung vergessen ihn nach seinem Namen zu fragen.
Auf jeden Fall ist dieser Artikel hier exklusiv Dir und Deiner Liebsten gewidmet, die Dich so schön bekuschelt hat. (Hoffe sehr, er gefällt Euch!?)
Schönes Paar, denke ich gerade noch, da verhallen schon die Schlussakkorde. Das von meinem Nachbarn gewünschte “Black soul choir” kommt dann doch nicht mehr. Die liturgische Litanei der Erlösung ist nach 75 Minuten inklusive Zugaben vorbei. Länger arbeiten Priester in der Regel auch nicht. Also keine Lästerungen.
Noch schnell ein Handyfoto von der Setlist – das Heiligtum, das ein stolzer Trophäenjäger gnädig für mich auf den Bühnenboden drapiert, damit ich sie ablichten kann. In diesem Moment beugt sich Pascal Humbert (kein Witz), der höchstpersönlich den Roadie für sein Bass-Equipment macht, vertrauensvoll zu mir und dem Devotionalien-Fetischisten-Fan herab (nicht falsch verstehen, wirklich sympathisch der Mensch) und lässt uns im Flüsterton an einer exklusiven Neuigkeit teilhaben. “There will be a new album early next year” (Originalton). Der junge Nachbar und ich taumeln angesichts dieser frohen Botschaft.
Es ist kurz vor elf als ich die Kathedrale verlasse, die vor kurzem nur eine von unzähligen Fabrikgebäuden war. Ich wandele durch eine der finstersten Ecken Kölns (nicht nur bei Nacht) und bei jedem Schritt brennt eine neue Stumpenkerze auf hinter dem Fabrik-Altar, auf dem in der eben gesungenen Messe Leib und Blut des Musikmessias geteilt und vergossen wurden.
In diesem flackernden Licht huscht plötzlich der Schatten einer vertrauten Gestalt über die Fassade von Gebäude 10. Hut auf dem Kopf, ein Gewehr über der Schulter. Das ist doch… das kann doch…Hyperventilations-Moment.
Der Geist von Jeffrey Lee Pierce selig hat höchstpersönlich seinem Lieblingszögling als Schutzengel beigestanden.
Nein, da aus dem Gullideckel steigt doch heißer Dampf wie weißer Rauch auf. Das Graffiti an der Hauswand kommentiert das Zeichen aus dem Nebel: Habemus papam. Getaggt mit: DEE. (Sorry Benedetto) Ich sinke zu Boden und rutsche auf Knien nach Hause, meinen Rosenkranz zwischen den Zähnen.
PS in eigener präventiver Sache:
Für Blasphemie können diesen Text lediglich Leute halten, die nur glauben, dass sie glauben. Für Menschen wie mich, die an das Wort glauben, das am Anfang war, ist dieser Umgang mit heiligen Kühen eher ein echtes Glaubensbekenntnis. Danke für das Verständnis und an alle, die ihre Gefühle verletzt sehen könnten durch diesen Text der Tipp: Lest doch einfach den Wachturm.
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