Musik - 10.08.07 -

Der ewige Liebessatellit – 35 Jahre “Transformer”

Betörend und verstörend. Das beschreibt zutreffend die beiden Polaritäten eines faszinierenden Musikwerks, das auch 35 Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner sinnlichen sündigen bizarren Wildheit und zugleich sensiblen zärtlichen leidenschaftlichen Empfindsamkeit eingebüßt hat.

lou flickr cc
“Transformer” von Lou Reed ist das vielleicht erotischste, weil sexuell aufgeladenste aller Rockalben und hat möglicherweise gerade deswegen eine scheinbar unbegrenzte Haltbarkeit. Der multisexuelle Songzyklus – so darf man ihn nennen, weil er alle Möglichkeiten der Liebe offen behandelt und nachgerade einfordert – bezieht seine zeitlose Aktualität aus der teils ungestümen lasziven Triebhaftigkeit und dem Gegengewicht aus verträumter romantischer Hingabe, die hier im Wechsel der Stimmungen vereint sind.

Da ist gleich zu Beginn das unverschämte, ja schamlose “Vicious”, rauh und schmutzig, das programmatische Rock ´n` Roll-Tier springt uns mit einem kreischenden Zähne fletschenden Riff an (Privat-Botschaft: Hardy – Deine Gitarre braucht mal wieder einen Starkstromstoß!!!), das so lasterhaft ist wie der Titel, ein Lied als One-Night-Stand. Dem Quickie folgt die etwas pfauenhafte, latent schwule Schwärmerei für “Andy´s Chest”, in der Reed binnen einer dreiminütigen Geschlechtsumwandlung vom dekadenten Voyeur zur dauergrinsenden Cheerleaderin mutiert, die zuckersüße Uh-Uhs in unsere Ohrmuscheln puschelt.

transformer - lou reed
Beim dritten Song bereits dann das tiefe Schniefen, Schnäuzen und Seufzen, das immer wieder aufs Neue beglückende Herzkammerflimmern, eine der schönsten musikalischen Berührungen in Sachen Liebe: “Perfect day” Wahrlich der perfekte Song für das schönste aller Gefühle, so gelassen beginnend, so empathisch im Aufbau und so enthusiastisch im Refrain. Man kann hören, wie die Liebespaare Auge in Auge, Hand in Hand und Mund an Mund den besungenen Park und den Zoo durchschweben (it just keeps me hanging on).

Träne. Einatmen. Ausatmen.

Mit “Hangin ´round” scheucht ein potenter Rock-Hengst gleich wieder die Schmetterlinge aus dem Bauch auf und jagt in ungezügelter Manier durch das Seventies-Glamour-Flitter-Glitter-Gelände. “Wagon wheel” und “I´m so free” sind zwei weitere dieser schwer zu zähmenden, leicht dahin galoppierenden Rockgäule, die auch im 73er-Bowie-Meisterwerk “Aladdin Sane” (das wir dann 2008 angemessen würdigen) ein gutes Terrain gehabt hätten. Kein Wunder, denn David, der unbestrittene Goliath dieser Jahre, hat an der Transformation seines Buddies vom Velvet-Underground-Reed zum Make-up-Lou maßgeblich mitgewirkt.

Und damit auch an dem ultimativen Kultsong aller angeblichen Kultsongs: “Walk on the wild side”, die unerreicht lässige und laszive Einladung, nein Aufforderung zur Grenzüberschreitung an Heteros wie Homos. Das ist gesungener Swingerclub, Gang-Bang-Orgie und Hardcore-Porno, ein echter Klang-Körper mit einer tonal-vokalen Dauer-Erektion, von einer so unbeschreiblichen Coolness, dass es einem bei jedem Wiederhören unweigerlich die Unterwäsche auszieht. Danach will man sich nur noch an das nächstbeste Liebesobjekt verschwenden.


Jetzt packt Lou die Puderquaste und den große Flakon Nuttendiesel aus für ein kleines Mädchen, das sich zurecht macht als schlüpfriges Wesen, um notgeilen Kerlen den Kopf bis in die Lenden zu verdrehen. Wir sitzen vor dem Garderoben-Spiegel einer kleinen schmutzigen Hinterhof-Strip-Bar und beobachten das slick little girl dabei, wie es sich zur gefälligen Diva macht für die Nacht. Schwer liegt das Parfüm der Begehrlichkeiten in der Luft und die Naht der Netzstrümpfe ist vor Erregung zum Zerreißen gespannt. Ein Stiletto-Schritt ins Rampenlicht, wo der Applaus der gelangweilten schleimigen Barfliegen so spärlich ist wie die Bekleidung der Bedienung. Die ungeschönte “nackte” Wahrheit des Billig-Entertainments. Bretter, die Unterwelt bedeuten. Doch Reed macht aus diesem Make up eine liebevolle Hommage an die Schönheit der Frauen und ihren Glauben an bedingungslose Liebe. Ein Lied wie eine Motte, die ins Licht fliegt und…

… den traurigen Rest kennen wir von Marlene Dietrich.

Aber dann sofort der Trost. Ein Lied, das abhebt in höhere Sphären und Bowie´s Frage nach “Life on Mars?” eindeutig beantwortet. Ja es gibt Leben da draußen, Liebesleben. Und das umkreist sämtliche Gefühlsplaneten und kreuzt immer wieder die Umlaufbahn unserer zerrissenen Herzen. Der Liebessatellit ist die Musik gewordene Sternschnuppe, die den heimlichen Wünschen der Venusfrauen und Marsmänner zuzwinkert. Und ein Chor von Außerirdischen summt dazu die Melodie. Musik aus einer anderen Dimension fürwahr (Auf dem Soundtrack zum Wim Wenders Film “The Million Dollar Hotel” gibt es übrigens eine fragile Cover-Version, dargeboten von der außerirdisch schönen Milla Jovovich, flankiert von hymnischen berückenden Trompetentupfern des Meisters Jon Hassell).

New York Telephone Conversation ist ein sympathisches, scheinbar belangloses Intermezzo, das aber unbedingt ins Gesamtkonzept passt und das man als regelmäßiger Verwender dieses Gesamt-Viagras sofort vermissen würde, wäre es nicht genau dort an dieser Stelle zwischen Höhepunkt und völliger Entspanntheit und Befriedigung. Die kleine Zigarette danach sozusagen oder davor, je nachdem, was Libido und Potenz hergeben.

“Goodnight-Ladies” schließlich ist der likörhaltige Absacker und Rausschmeißer mit Vaudeville-Charakter. Damit hätte auch Sally Bowles in Cabaret die Nachtschwärmer sanft vom Barhocker gleiten lassen können. Der äußerst elegante und charmante Ausklang einer unvergesslichen Liebesnacht, die 11 Kerben an die Wand neben das Bett ritzt. Für jeden Orgasmus eine.

Aus der Schatzkiste:
Rock ´n´Roll Animal, Berlin, Coney Island Baby, Sally can´t dance, New York, Set the twilight reeling, The blue mask, Magic and loss

Seelenverwandtschaften:
David Bowie, John Cale, Brian Eno, Nico, Marianne Faithfull, Patti Smith, Tom Waits

Offizielle Website:
www.loureed.org

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