Keine “German Kleinigkeit” – Phillip Boa macht uns den großen Raffaello.
Die schlechte, aber leicht zu verdauende Nachricht gleich vorneweg. Phillip Boa kann immer noch so wenig singen wie Grönemeyer tanzen. Was aber rein gar nichts macht, weil er ja dafür seine bezaubernde Circe Pia Lunda hat, die mit ihrem honigsüßen Mädchensoprangeträufel den stimmlichen Magerquark des Herrn mehr als veredelt.
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Womit wir schon bei den guten Nachrichten wären. Eine edle Kollektion feiner Songpretiosen ist dem Wahl-Malteser und seinem Voodooclub da gelungen. Ein makelloses Klang-Perlchen nach dem anderen reiht sich auf die Tonspur-Schnur, dass man dem digitalen Juwelier vor Freude auf die Schulter klopfen möchte.
Eine günstige Gelegenheit, auch gleich den Namen des jungen Produzenten in den Text zu plakatieren, der laut Plattenfirma eher zu den No Names der Szene gehört, was sich durch die Arbeit an diesem Werk allerdings schnell ändern könnte.
Denn Tobias Siebert, so heißt der Mann, hat dem Boa oft (wie ich finde fälschlicherweise) nachgesagten Anflug von Arroganz das Rückgrat gebrochen und ins etwas unterkühlte Herz – scheint es – ein warme Sonnen-Flut freudvoller Lebenslust implantiert. So nach Luxus-Eisdiele, VIP-Strandkorb, Hummer-Grill und weißen Leinen-Anzügen hat Boa noch nie geklungen. Regelrechte Sommermelodien sind da entstanden, die all den jährlichen Latin-Hispano-Ballerman-Sing-mit-Parolen aber so was von locker die Stirn bieten und jede Menge mehr Charisma haben.
Hier lohnt es sich ausnahmsweise mal, eine der ansonsten eher peinlichen Lobhudeleien von Label-Seite zu zitieren:
…Siebert ist noch dazu erklärter Fan von frühen Boa-Alben wie “Philister”, “Aristocracie”, “Copperfield”, “Hair” und “Hispaniola”)* – konkrete musikalische Parallelen zu Boas Opus drängen sich allerdings nicht gerade auf.
Und sind selbstredend trotzdem vorhanden – denn zwei Herzen (jeweils) schlagen, ach, in beider Brust: das eine pocht beschwingt im Takt großer Melodien, das andere wummert und holpert monoton und verschroben dagegen an. Die beständige Konfrontation von Hymne und Schrulle, Kantus und Groteske ist es, die die beiden eint.
Mit seinem unbedingten (und an Boa geschultem) Streben den Weg zum Pop durch das Tor der Dekonstruktion zu beschreiten hat Siebert Boa zu einem Klangbild verholfen, dass nahtlos an den Sound des klassischen “Phillip Boa & The Voodooclub” anschließt, ohne auch nur einen Moment rückwärtsgewandt zu klingen…
*(ein Sternchen nur für die PR-Verantwortlichen vom Label)
Das ist ohne Einschränkung zu unterschreiben.
Ja, es ist wahrlich ein Verdienst von Siebert, dass er Boas angeborene Stärken nicht einfach herausarbeitet und hervorhebt, sondern souverän einbettet in eine hörbare Wandlung seiner bisherigen Schwächen und einer im besten Sinne “Popularisierung”. Aus dem, was früher oft Soundskizzen waren, sind hier ganze Songs geworden, die auch nicht mehr teilweise verloren umeinander kreisen wie Satelliten, sondern endlich eine planetarische Ordnung erfahren.
Das Eckige, Kantige, teils Manieristische und Konstruktivistische von Boas künstlerischem Anspruch und unbestreitbarer musikalischer Aura ist erhalten und überführt worden in das erdverbundene Prinzip “Alles fließt” (“Alles harmoniert”) und so folgt man bei diesem Album gerne dem Strom bis zur Mündung ins Meer. Hier dürfen auch Anthropologen und Philantropen mit an Bord der Arche Boa.
Mag sein, er ist jetzt vielleicht nicht mehr so independent, aber dafür nun so smart und cool wie er stets erscheinen wollte. Der geradlinige Produktionsschnitt passt, steht auch den kompositorischen Arabesken und verleiht der Musik einen markanten Stil ohne stylish zu wirken. Authentisch und zeitlos sind die Worte, die einem einfallen. Ein Produkt, das unschwer für einen Red Dot Design Award nominiert werden könnte. Das macht sich in klobigen Alltagshänden genauso gut wie in spitzen Fingern. Dieses etwas weniger an Avantgarde, dieser behutsame Hauch mehr Mainstream macht genau die Mischung aus, die man von einem perfekt gemixten Sommer-Cocktail erwartet.
Und was Boa-Jünger schon immer insgeheim als stille Post über den angeblichen Miesephillip verbreitet haben, lässt sich hier nicht mehr verbergen und tritt offen zu Tage – der Voodoomagier quält nicht nur Püppchen und spricht unselige Flüche aus, er hat eben auch nicht zu knapp Humor. Das zumindest ist einigen der Lieder zu enthören, die mitunter geradezu Züge von echter Heiterkeit und Ausgelassenheit tragen.
Locker-luftig-fluffig-leicht wie ein eisgekühltes Raffaello tanzt da eine hitverdächtige Ohrknabberei nach der anderen aus den Party-Boxen-Schachtel. Aber eben mehr als nur diese oberflächliche Yuppie-Dosis “German Kleinigkeit”, die im ersten schmallippigen Small Talk verpufft. Dieses Naschwerk hat Substanz und Gehalt und ist nicht nur zum Nebenherverzehr gemacht.
So eingängig wie eigenständig ist Faking to blend in” geworden. Poppig bis rockig, uptempo bis , mit teilweise satten Hooks und Beats (da schleicht sich sogar mal ein verdächtig naher Peter-Gunn-Riff in Track 10), immer mit schön nach vorne gerecktem Kopf. Und über der ganzen leckeren Pralinenbox der fein gestäubte Puderzucker von Confiserie-Ober-Trüffelinchen Pia. Mmmh.
So wäre es unfair, einen Song hervorzuheben, denn von der ersten Single “On Tuesdays I`m not as young” bis durch zu Track 13 “The night before the last was saturday night” läuft das Liederwerk wie am Schnürchen, ein Rädchen greift ins andere und man ist sogar froh, dass es keine große Atempause gibt. Ein großer Balladen schmachtender Don Juan war Boa ja nie, aber hier geizt er regelrecht mit hymnischen Reizen.

Was nicht schmerzt, dafür sind ja seine frühen Meisterwerke da, die wiederzuhören ebenfalls ein großer Spaß ist. Wenn man mal wieder seinen Independent-Kulturverstand in eine etwas steifere Tafelrunde einfließen lassen möchte, kann man durch das bloße Zitieren erhabener Titel wie “Philister”, “Aristocracie”, “Copperfield”, “Hair”, “Hispanola” (*liebe Plattenfirma: das i muss bei Euch weg) und “Helios” schon soviel Eindruck machen, dass man für den Herausgeber eines Langenscheidt-Wörterbuchs “Deutsch – Aristokratisch” gehalten wird.
Zurück zum wesentlichen und zum Kurzum: “Faking to blend in” ist das beste Album seit dem strahlend gloriosen “Helios” und das ist immerhin 16 Jahre her. Zuvor hatte uns Boa mit den oben genannten Alben eine Reihe eigensinniger avantgardistischer bis elitär dekadenter Kostproben seines unbestritten großen Talents abgeliefert. Im neuen Werk ist es manifestiert.
Hier gilt zum guten Schluss nun nur noch die unbedingte Empfehlung, auch gleich die Maxi-Single “On Tuesdays I`m not as young” beim Tonträger-Händler des Vertrauens mit zur Kasse zu tragen. Denn darauf gibt es dann als Zugabe noch mal vier Songs von der gleichen Qualität. Was sagt man dazu?
Chapeau! (In Weiß versteht sich.)
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