Musik - 17.07.07 -

Down in Mississippi – up where Blues belongs

Prolog

In allen Armeen der Welt werden Veteranen für ihr soldatisches Wirken zur Rettung und zum Schutz von Volk und Vaterland mit Orden und Verdienstkreuzen geehrt. Glitzernde Trostpreise sind das in Wahrheit für unheilbare Verwundungen an Leib und Seele, oft in posthumer Form als Grabbeilage für junges naives Kanonenfutter. Die doppelte Kehrseite dieser Medaillen: Sie sind Trophäen der Perversion und Schuldbeladung, verliehen für massenhaftes Blutvergießen, Unterdrückung, Enteignung, Vergewaltigung und Folterdienste im Banner der ewig gestrigen Selbst-Gerechten und gewählten Verbrecher, die im Namen der Menschlichkeit alles dulden und rechtfertigen, was allein ihrer Macht dient.
Stop it now!

Ab sofort gilt es nur noch Helden zu ehren, die keine Kriege führen, sondern Frieden stiftende Schönheit und Rarität in unsere Welt zurückbringen. Erster Kandidat: Ry Cooder. Der unermüdliche Kämpfer für musikalische Kulturen, Bewahrung, Wiederentdeckung und Ausgrabung von Reichtümern an übersehenem oder vergessenem Wohlklang, ist nur mit seiner Gitarre bewaffnet, der “Universal soldier” des Guten.

Schließlich sind wir seit dem Buena vista Social Club im Herzen alle Kubaner und das verdanken wir Cooders Spurensuche und Schatzgräber-Mentalität. Ähnliche Wertschätzung gebührt Ry für seine Verdienste im Geiste der schwarzen Befreiungsbewegung namens Blues. Was der Altmeister des Genres an eigenen tief schürfenden Beiträgen und ursprünglichen Goldnuggets aus dem Bergwerk des afroamerikanischen Kulturgutes zu Tage fördert, ist aller Ehren wert.

Mit seinem eigenen neuen Konzept-Album “My name is Buddy” huldigt der weiße Schüler seinen schwarzen Lehrern und macht sich auf einen Streifzug durch ein Amerika, in dem ein maskierter Rassist aus dem Ku Klux Klan immer noch mehr Chancen auf das Präsidentenamt hat als ein Schwarzer, der in der Tradition von Martin Luther King und Angela Davis die USA endlich zum land of the free machen würde.

Wenn auch in vielen Köpfen die Sklaverei noch nicht zu Ende ist, die Stimmen der Schwarzen sind heute Gott sei Dank unüberhörbar und sie verkünden laut und selbstbewusst, dass sie in diesem Land vor niemandem mehr zurückweichen werden. Eine der schönsten und berührendsten dieser schwarzen Stimmen ist die von Mavis Staples und We´ll never turn back ist bezeichnenderweise der programmatische Titel ihrer von Ry Cooder produzierten CD, die nicht nur ein
echtes Roots-Fundstück ist, sondern ein wahres Roots-Glanzstück – ein Hochkaräter der schwarzen Seele.

Blues, als wäre er gerade auf einer Baumwollplantage in Alabama aus den Herzen der geschundenen Pflückerinnen gewachsen. Der Ruf nach Freiheit und Gerechtigkeit hat in Staples, die sonst eher der musikalischen Gattung des Soul zugerechnet wird, eine Verkörperung gefunden wie sie authentischer nicht klingen könnte. Das Klagen der Arbeiter auf den Feldern ist ihr ebenso angeboren wie die Wärme des Gospels, den Sie von Kind an in den Gotteshäusern gesungen hat.

Ihr Gesang fließt wie das Wasser durch das Mississippi-Delta und ist im nächsten Moment karg wie die trockene, heiße Erde am Fuße eines Baumwollstrauches. Sie ist die Wurzel, aus der Blues erwächst und seine Früchte des Zorns trägt und sie ist die Kirche, in die ihr Volk am Sonntag kommt, um den Herrn um Schutz, Gnade, Erlösung und Freiheit zu bitten.

Jedem Song des Zyklus aus Traditionals, Fremdbeiträgen und gemeinsamen Kompositionen mit Ry Cooder verleiht Mavis Staples die Achtung, die Würde und die Emotion, die dem Schicksal der verfolgten und ausgenutzten Schwarzen angemessen ist. Es ist die Furcht in “I´ll be rested, der Stolz in “We shall not be moved”, der Trotz in “We´ll never turn back”, der Trost in “This little light of mine” und die Hoffnung in “Jesus is on the main line”, die dieses erlesene Songbook zu einem aufrechten Gang macht, zu einem inständigen Gebet, zu einem Herz ergreifenden und erweiternden Hörerlebnis. Ein wirkliches Licht am Ende der Finsternis. Bravo! Da capo!

Aus der Schatzkiste: Have a little faith, Only for the lonely, Time waits for no one

Seelenverwandschaften: Pops Staples, Muddy Waters, Mahalia Jackson, Bessie Smith, Robert Johnson, John Lee Hooker, Otis Taylor

Alles Wissenswerte zur Künstlerin, Ihrem familiären und musikalischen Background und ihrem Schaffen unter

www.mavisstaples.com



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