Musik - 16.07.07 -

Young Marble Giants – Collossal Youth

Ein One-Opus-Wonder waren die Young Marble Giants aber ein kolossales. Denn nicht weniger als ein epochales Monument ist “Colossal youth”, das erste und einzige Album der jungen Marmorstatuen.

Jenes walisischen Independent-Trios, das sich 1979 mitten im ausklingenden Punkhöhepunkt und dem sich entwickelnden Übergang zum New Wave heldenhaft und ohne Derwischtänze einen passenden Sockel suchte, um sich in aller Bescheidenheit darauf zu stellen als Denkmal dieser Zeit. Jetzt wieder zu entdecken als umfassendes Re-Issue im Box-Set.

In diesen verwilderten und von Pogo zertrampelten Garten der Jugendrebellion trat also 1980 ein zartes, scheues Pflänzchen, begleitet von schüchternen Feen, das einen in seiner Kargheit und Schlichtheit umgehend in den Arm nehmen ließ, um es zu beschützen.

Gleich mit den ersten Takten des Openers “Searching for Mr. Right” war man gefangen in dieser im besten Sinne eigenartigen, merkwürdigen musikalischen Welt, die einen in Ihre vermeintlich kühlen Klang-Räume lockte, aber zugleich die Tür weit aufstieß zu einer ganz seltsamen Emotion, die man vorher so nicht kannte. WELTSCHMERZ. Fast so etwas wie pubertierende Unsicherheit mitten im Erwachsensein, die man da spürte. Distanziert, unnahbar fremdelnd und doch kokett und überschäumend im Bemühen, sich der Welt zu zeigen, den Weg suchend zwischen gesellschaftlichem Widerstand und Schmetterlingen im Bauch, so harmoniesüchtig wie brüchig.

Auch in seiner Unausgewogenheit und Verspieltheit ein liebenswertes Zeugnis von Sturm und Drang. In einem Song verträumt tanzende Planeten und Sternenstaub und im nächsten Hammondorgel a la Hanns Dieter Hüsch. Ja, das hat durchaus auch kabarettistische Züge, wie die Giants hier naive Einfalt und raffinierte Vielfalt zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfügten. Und das alles wahrlich independent, denn neben der Tatsache, dass dieser Songreigen für gerade mal 1.000 $ produziert wurde, beweist auch dieser gänzlich ungehörte neue Stil absolute Unabhängigkeit von Vorbildern, lebt anscheinend aus sich selbst heraus.

“The Taxi” beispielsweise ist ein melodisches Gefährt aus einer anderen Welt und Dimension. Als hätten Außerirdische eine Fahrschule auf unserem Planeten gegründet und die Prüfung besteht nur derjenige, dem es gelingt, sich während dieser zweiminütigen nicht zu verfahren. Unmöglich dieses Unterfangen, denn dieser magische Beatbox-Ohrwurm, der einen mit seiner fast kindlichen spieluhrtartigen Melodie verführt, lenkt einen unwiderstehlich vom rechten Weg ab. Also nix mit einem Ausflug zum Mars.

Trockene Gitarrenriffs, satte Basszupfer, beinahe kindlich anmutende Orgelakkorde und die Beats aus der Retorte schälen Klangstrukturen aus dem Nichts, die in der Unschuld von Alison Stattons Stimme Unterschlupf suchen. Die gibt den zerbrechlichen Soundgebilden in einer seltenen Balance aus Zartheit und Festigkeit genau das gewisse Etwas, das aus banalen Tonfolgen Ohrmagneten macht (ähnlich wie heute die Eels oder Lambchop).

Colossal Youth nahm die düstere Welt-Verlorenheit einer Anne Clark und den melancholischen Aufruhr von Billy Bragg vorweg, der den Anarchismus des Punk in relevante politische Statements überführte. Auch das (allerdings wesentlich umfangreichere) Werk dieses tapferen und aufrechten Einzelkämpfers mit der E-Gitarre gilt es in diesem Zusammenhang zu würdigen und mit der 2006 erschienen, schlicht Billy Bragg Volume I betitelten und günstigen Compilation seiner ersten Alben neu bzw. wieder zu entdecken.

Erstaunlich ist, dass dieses Album auch nach über 25 Jahren überraschend neu klingt, als wäre es gerade eben als Protest und Gegenentwurf zu den mehrheitlichen glatten Hörgewohnheiten des Hier und Heute entworfen worden. Sehr cool.

Es gibt wohl nur wenige Beispiele in der Geschichte des Rock, wo ein Solitär so in seiner Einzigartigkeit glänzt und man das Gefühl hat, dass dieser eine große Wurf reicht, um eine Band für immer zu lieben. Und so sehr man insgeheim hofft, es hätte mehr von dieser Musik gegeben, so sehr wünscht man auch, dass sie unangetastet bleibt durch Reunions oder Epigonen, dass dieses Album seinen Sonderstatus behält, den es auch für eine Ikone wie Kurt Cobain hatte. Und dem reichte ja letztlich auch ein einziger Song, um unsterblich zu werden. Vielleicht war dieser ja sogar inspiriert durch die Young Marble Giants. Der beschreibt nämlich genau das Gefühl beim Hören ihres kleinen Meisterwerks “Smells like teen spirit”

Aus der Schatzkiste: Final Day (Single), Testcard (EP), Salad Days (Compilation; Vinyl Japan), Live at the Hurrah (Live-DVD und Live-CD; Cherry Red Records)

Seelenverwandtschaften: Billy Bragg, The B-52′s, Anne Clark, The Eels, Lambchop,

www.appelstein.com/ymg/
www.myspace.com/youngmarblegiants

.



Kommentar schreiben