Einmal 80er und zurück: Editors
Heute Morgen ganz unverhofft das gute alte H.G.Wells-Spiel gespielt: Zeitmaschine. Na ja, weniger aufwändig als im Zelluloid-Klassiker, also ohne High-Tech-Zeitschlitten, dafür aber im nicht weniger stilechten Renault Twingo mit über 130.000 Kilometer Laufhistorie, also im Prinzip auch eine rollende Rost-Zeitschleuder. Und eine rockende dazu, denn das treue Vehikel bietet nicht nur für Nikotinsüchtige, sondern auch für Musikjunkies wie mich einen Zigarettenanzünder, der per Adapter schnell zum CD-kompatiblen Soundzünder umfunktioniert werden kann.
Also: Die neue Editors AN END HAS A START rein, Verdeck auf, Ellbogen raus und mit den ersten Trommel-Takten Fuß rauf aufs Gaspedal. Und da bleibt es – mit nur kurzen Bremsintervallen – die nächsten gut 44 Minuten lang und hat grüne Welle.
Songs die aufbrechen, um anzukommen. Und die dann sogleich den nächsten Song auf die Zeit-Reise zu den schönen New-Wave-Zeiten schicken, die schließlich ins Hier und Jetzt zurück klingen. Ein ständiges Willkommen und Abschied von 80er-Globetrottern mit der Lizenz zum Langeweiletöten in der Gegenwart.
Im Sound-Gepäck einen auf breites zufriedenes Grinsen des Hörpfadfinders geeichten Kompass. Klares Ziel, klare Richtung, ganz gleich ob im flotten Dauerlauf oder im gemäßigten Schritt. Die Rhythmusgruppe trampelt schöne feste Pfade in die Erde und die Gitarren sind die Macheten, die das lästige Gestrüpp aus dem Weg räumen. Bleibt noch der Gesang, der über all das erhaben hinweg schreitet, mal in lässigen Sneakers, mal in stabilen Boots, mal auf leisen Indianer-Sohlen in Schleicher-Mokkasins und in den ganz warmherzigen sensiblen Momenten barfuß, wie es sich gehört.
Ja die Stimme von Tom Smith legt Storyteller- Spuren, denen man gerne folgt. Egal ob sie tragische Geschichten erzählen wie die von den Lungenkrebs-Kandidaten, die vor dem Hospital bis zum letzten Atemzug die Metastasen zuzuteeren versuchen. Ob im Titeltrack, wo der Gesang wahrhaftig das unvermeidliche Ende vor sich hintreibt bis Licht am Ende der Finsternis zu sehen ist. Oder in der finalen Piano-Herbst-Ballade mit bouzoukiähnlichem Glühwürmchen-Sommer-Geflimmer. Schluchz!
Besondere Erwähnung verdient die gekonnte Balance von Dynamik und Melancholie von THE WEIGHT OF THE WORLD. Ein Song, auf den sicher auch der selige Adrian Borland stolz gewesen wäre, der dem Kopf von The Sound (unbedingt wiederhören diese Band) zu Ehren als posthume Würdigung täglich gespielt werden sollte.
Bones sind wahrhaftig die Knochen der legendären Chameleons, die mit vorgenannten The Sound zu den Gipfelstürmern meines wilden Herzens in dieser persönlichen Sturm-und-Drang-Zeit gehörten. Ja, ja, der Autor ist zwar schon too old to die young (mein Lieblings-T-Shirt von Element of Crime), aber noch keineswegs zu verkalkt in den Ohren, um jungen aufstrebenden Helden wie den EDITORS nicht die gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen.
THE RACING RATS scheucht das unbeliebte Nagegetier beim nächtlichen Aas-Menü aus den Müllbergen auf und flößt selbst dieser zähen furchtlos-verschlagenen Spezies einen Hauch von Respekt ein. Hier haben die Gitarren eben schärfere Zähne als die evolutionären Überlebenskünstler. Dann krabbeln da noch sehr sympathische “Spiders” durch die Suburbia des großen Britanniens, bei deren Angehör die Liebste ausnahmsweise nicht hysterisch aufschreiend die Flucht ergreift, sondern sich vertrauensvoll in die Obhut des Sängers übergibt und wimpernklimpernd in die ausgebreiteten Arme des Charmebolzens einkuschelt. Tja, dumm gelaufen, deine Ische ist über´n Zaun und Du musst Dich mit den Niederungen der Schöpfung rumschlagen. Aber wem, wenn nicht Smith wirst Du das verzeihen. Und schon hängst auch Du wieder an seinem Ohr und schiebst das Erstlingswerk THE BACK ROOM hinterher, in der Hoffnung, dass Deine Zaubermaus irgendwann wieder aus dem Hinterzimmer auftaucht und mit Dir rum macht.
Am Ende dieser kurzweiligen Zeitreise bleibt die Erkenntnis: So könnten Coldplay und Travis klingen, wenn sie nicht zu sehr damit beschäftigt wären, als everybody´s darlings allzu sehr in den weit geöffneten Hintern des verführerischen Pop-ulismus zu kriechen. Wie echte Rock-Bands eben, die wissen woher all die Inspirationen stammen, die das eigene Talent in die Zukunft befördern. Und das hat am Ende nichts mit Science Fiction zu tun. Die Editors sind so gegenwärtig wie der alte Twingo. Aber so verdammt viel schneller.
Aus der Schatzkiste: The back room
Seelenverwandtschaften
In der Vergangenheit:
The Chameleons
The Sound
Echo & the Bunnymen
Hunters & Collectors
Joy Division
Japan
Simple Minds
In der Gegenwart:
Midnight Choir
Kaiser Chiefs
Interpol
Mehr Editors unter:
www.editorsofficial.com
www.myspace.com/editorsmusic



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