13 Liebeserklärungen an eine Chimäre
Hotel Reminder, nachts an der Hotelbar. Früher Morgen, um ehrlich zu sein. Rien ne va plus! Frau weg, Hund weg, Haus weg, Firma weg, nur der gute alte Jack Daniels ist noch da, gammelt seit dem frühen Abend bequem auf dem pelzigen Gaumen-Sofa rum, atmet kettenweise unlucky strikes ein und randaliert mittlerweile im Oberstübchen. Die glasigen Augen wandern zum schon längst verwaisten Flügel hinüber, suchen den Raum ab nach der sirenengleichen Stimme, die eine lästige Barfliege wie mich umsummt.
Sie mag eine Erscheinung sein, diese kühle Schöne, die mich da anlächelt und ansingt, aber ich verfalle ihr sogleich. Mitten in den Schmerz aller Verluste bin ich auf den ersten Ton unsterblich verliebt in Feist, deren weiche Gesichtzüge von einem straffen Haarknoten kontrolliert werden, den ihre großen dunklen Augen sogleich wieder lockern. Ich lege ihr ohne Zögern alles, was ich nicht mehr besitze zu Füßen, knie nieder vor ihrer Weiblichkeit und mute ihr das ganze Becken voll Emotion hinter dieser Staumauer aus Einsamkeit zu.
Sie tritt leicht beängstigt und irritiert einen Schritt zurück und hält sich am Flügel fest, um Halt zu finden vor meiner schonungslosen Offenheit. Ihr “So sorry” ist das respektvollste Nein Danke, mit dem Frau Mann je abblitzen ließ. Keine Spur von Verachtung oder abgewehrter Belästigung, diese bestimmte, aber zugewandte Art der Zurückweisung beinhaltet im Gegenteil eine unausgesprochene Einladung, im ewigen Roulette-Spiel der Geschlechter am Tisch zu bleiben und die Einsätze zu erhöhen, bis die letzte Kugel fällt.
Göttin! Sie versteht mich und mein zerrissenes Herz. “I feel it all” kokettiert und flirtet sie mit dem verlorenen letzten Gast, um ihn aufzumuntern. Selten war ein Trost solcher Balsam auf eine geschundene Seele. Ich fühle, wie die Wunden sich schließen und heilen und sehe zugleich die lange breite Narbe quer über mein Gemüt, die nicht verschwinden wird. Aber die Umgarnung geht weiter, der Ariadnefaden führt durch das Labyrinth meiner getrübten Sinne und schon kann ich die Freiheit ahnen, wenn der Minotauros der Gewohnheiten erst besiegt ist.
Zum Himmel aufsteigen werde ich, zu nahe an die Sonne geraten werde ich mit meinen Flügeln und wieder herab stürzen in den Ozean der Bedeutungslosigkeit.
Aber jetzt ist erst mal Nacht und der gute alte Mann im Mond wacht über die Geschicke der Liebenden. “My moon my man” reißt mich vom Hocker. Ab hier bin ich Leslie vollends verfallen, ab jetzt unrettbar verloren. Was soll´s? Solange dieser Mond über den Trümmern meiner Existenz scheint, bin ich ein reich gesegneter Mann. Selbst der eiswürfelkalte Barkeeper mit seinem mitleidlosen regungslosen Pokerface hat in diesem Moment Feuerwerks-Glühen in den Augen und – was sie zum Glück nicht sehen kann – eine gewaltige Erektion, was mein derzeitiger Bewusstseinszustand Gott sei Dank zu verhindern weiß. Nein, primitive Lüsternheit ist nicht die Sache einer Lady, die erobert werden will. Ihre Libido sehnt sich nach Geduld, die dann für das verständnisvolle Warten umso heftiger belohnt wird.
Hat sie meine Gedanken erahnt oder warum wird ihr so heiß, dass sie die Flügeltüren öffnet, um frische Luft aus dem Hotelpark herein zu lassen?
Kennt sie meine ganze traurige Geschichte, die ihr den mitfühlenden Atem raubt?
Was singt sie da? “With sadness so real that it populates the city and leaves you homeless again”
Sie kommt langsam auf mich zu, schaut mir tief ins sepiafarbene Gedächtnis und lässt sich vorsichtig in meinen Arm gleiten. Erst jetzt wird mir in diesem Halbdämmern klar, dass sie selbst Liebeskummer hat. Mitten in mein Delirium erwacht in mir die auf Nimmerwiedersehen verschollen vermutete Zärtlichkeit und ich bin überrascht, dass meine schwankende Schulter noch stark genug ist, um einem verletzten Wesen kurzfristig Halt und Schutz zu bieten. Zu dir oder zu mir? löst sie den letzten Abstand in völlige Nähe auf. “The distance that keeps you from knowing the truth”. Ich taumele.
Den Polstersessel da bitte, ich muss mich setzen, mir wird so schwindelig von diesem Gesang, der mein Innerstes aufwühlt, und auch von diesem Landschaftsgemälde da an der Wand. “The water” macht mir klar, dass mein Körper, ihr Körper, die ganze Welt im Wesentlichen aus diesem Element gemacht ist und der sentimentale Stimm-Tropfen auf den heißen Stein meiner Seele bringt meine Tränenkanäle endlich zum überlaufen. Wie befreiend, dieses Dämme brechen, dieses Herausfließen lassen. Zauberin!
Sturzbäche später kommt der unverhoffte Weckruf von der Rezeption, den ich beim kurzen Einchecken zum langen Ableben bestellt hatte. “Sealion” handclappt
uns Arm in Arm durch den sich füllenden Empfang, um an den verächtlichen Blicken der Frühaufsteher gen Hotelzimmer zu wanken, wo die Leidenschaft schon ungeduldig auf dem Bett sitzt und mit den übereinander geschlagenen Beinen wippt.
In die Stille des anonymen Raumes springt beim Aufschließen der Türe das bisher zurückgehaltene Temperament der Frau, die den Mantel der Beherrschtheit ablegt über dem Stuhl am Fenster, in das besungenes Mondlicht fällt. Jetzt offenbart “Past in Present”, dass hinter all dieser verführerischen unschuldigen Zartheit ein Vulkan brodelt, der kurz vor der Eruption steht.
“The limit to your love” – Sie hat ihre Haar gelöst, ich den Krawattenknoten und wir betanzen den engen Raum zwischen Bett und Bad, wir drehen uns um die Grenzen des Moments, seiner Möglichkeiten und Vergeblichkeiten, unsere Schritte sind synchron, im gleichen Takt erfinden wir einen neuen innigen Tanz, den wir augenflüsternd “Slow flow emotion” nennen. Knisternde Lippen, Stromschläge an den Synapsen.
“1234″ legen wir zur Auflockerung und einen locker-flockigen Schieber nach, der uns die ursprünglich depressive Grundstimmung in ein lässiges Fingerschnippen und ausgelassenes Herumspringen wandelt, Posaunen und Geigen spielen dazu auf und machen Mut, die eigenen kopflastigen Ängste zu überwinden und uns beseelt, beherzt ins Abenteuer Verschmelzung zu stürzen,
“Brandy Alexander” ist noch in der Mini-Bar, der will aus Zahnputzbechern getrunken werden. Sie sieht sich das Fläschchen an, bevor sie es aus dem Handgelenk in den Papierkorb wirft und schenkt mir den Namen des edlen Gesöffs als Kosewort, das sie hinter mein Ohr züngelt. Gänsehaut.
Alles andere ist völlige Wiederbelebung verlernter “Intuition”, Frau und Mann als Defillibrator zum ultimativen Herzkammerflimmern. Jetzt nur noch dem eigenen Gefühl vertrauen, langsame Bewegungen, die Haut von Stoff befreien, Fingerspitzengefühl vom Nacken die Wirbelsäule hinab bis in den letzten Wirbel der Intimität. Wie leicht das geht, wenn man ganz ohne Erwartung und Absicht sich verabredet zu etwas Nähe und Unsterblichkeit, wie verrucht süß scheu geöffneten Lippen sein können, wenn sie ihre eigene Sehnsucht im anderen schmecken, wie weit zwei Körper werden können, wenn sie immer enger bis in den anderen hinein wachsen. Friedvolle lautlose Ohnmacht!
“Honey honey” ist schon das Lied danach, nach dem Rausch, in dem der Geist des eifersüchtigen Barkeepers erschienen ist und Alkohol und Adrenalin zu einem gefährlich betäubenden Endorphin-Cocktail gemixt hat. Es schüttelt uns noch einmal durch, was er uns da zusammen geschüttelt hat.
“How my heart behaves” ist der unsichere Abschiedkuss, ein Danke und Leb wohl, ein unausgesprochenes “Ich würde Dich gerne wieder sehen”, das “Schau mir in die Augen, Kleines” und “Uns beiden bleibt immer noch Paris”.
Plötzlich stechende Stille. Hinter dem Schleier des ersten Augenaufschlags zerrt gnadenloses Sonnenlicht den schäbigen Rest eines selbstmitleidigen
Frustsäufers vom Fußboden. Am ungemachten Bett vorbei stolpert der Obdachlose in spe vor sein Spiegelbild, das ihn seinen erbärmlichen Zustand verspottet. Die bereitgelegte Rasierklinge hat es sich anders überlegt. Sie will den Puls des Steppenwolfes nicht mehr fühlen. Ein letzter Rest Selbstachtung, der dank eines Lebens spendenden erfüllenden Traumes die Resignation besiegt.
Der Kater ist so groß, dass er nicht mehr in den abgenutzten Koffer passt, den der Gast als Relikt auf dem Stuhl am Fenster hinterlegt bevor er die Türe zur Vergangenheit zuzieht.
Er übergibt den Zimmerschlüssel an die Unscheinbare an der Rezeption, die heute plötzlich eine Schönheit ist, die er glaubt, schon einmal irgendwo geshen zu haben. Eine Mitwisserin, eine Komplizin, die es jetzt wissen will, wissen muss. Flüsternd fragt sie: Glauben Sie, dass man auch erfüllenden Sex haben kann ohne körperlichen Kontakt? Ein Lächeln in meinem Mundwinkel flüstert verschwörerisch zurück. Ooooooooh ja!!! Es gibt keinen besseren.
Aus der Schatzkiste: Let it die
Seelenverwandtschaften: Billie Holiday, Nina Simone, Holly Cole, Fiona Apple, Rebekka Bakken, Silje Neergaard,
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